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Sterbfritzer Dorfchronik
Sterbfritzer Dorfchronik

Flüchtlinge und Heimatvertriebene

Der Zustrom der Heimatvertriebenen in den Kreis Schlüchtern

Die einheimische Bevölkerung des Kreises Schlüchtern hat bis Ende 1945 von den Ereignissen, die sich im Osten nach der Beendigung des zweiten Weltkrieges zutrugen, recht wenig erfahren, noch weniger verspürt. Sie hatten an den Auswirkungen des Krieges schwer zu tragen - Gefallene in der Familie und im Dorf, Verwundete und Vermisste, machten das Leben schon schwer genug - aber eine noch größere Hypothek musste sie nun mit dem unaufhaltsamen Einströmen von vielen Tausenden Heimatloser für die Zukunft übernehmen.

 

Anfangs war es ein ungeordnetes Einströmen kleinerer und größerer Gruppen von Ausgewiesenen und Vertriebenen. Dann aber wurde den Bürgermeistern angekündigt, dass der Kreis trotz der Ausgebombten noch weitere 20.000 Heimatvertriebene aufzunehmen hätte. Man nahm aber diese Ankündigung nicht ernst, und die Bevölkerung glaubte erst recht nicht an eine Verwirklichung von Ausweisungen Deutscher aus den Ostgebieten.

 

Am 6. November 1945 hielt dann der erste reguläre Transport mit Zielbahnhof Schlüchtern in Sterbfritz. Es waren schlesische Flüchtlinge und Vertriebene aus dem österreichischen Sammellager Ried die dann im Durchgangslager Mottgers aufgenommen wurden. Den stärksten Zugang verzeichnete das Lager 1946. Es hielten neun Transporte aus Sammellagern mit vertriebenen Deutschen aus der Tschechoslowakei und einer aus Ungarn in Sterbfritz, um dann in Mottgers eine erste Bleibe zu finden.

 

Im Jahre 1946 war der Zustrom so groß und die Spannen von einem zum anderen Transport so kurz, dass Verköstigung und Registrierung sehr schwierig war. Der größte Teil der Vertriebenen im Lager Mottgers zeigte ihrer sozialen Struktur nach einen ausgesprochen städtischen und gewerblichen Charakter, und sie erhofften sich deshalb nichts sehnlicher als eine Unterkunft in einer Stadt des Kreises Schlüchtern, auf diese persönlichen Belange konnte von dem Flüchtlingsdienst keine Rücksicht genommen werden. So unterlag die Zahl der Heimatvertriebenen in den einzelnen Dörfern großer Schwankungen, zurückzuführen auf Zuweisungen, oder auch wieder Abwanderungen die ihre Ursache in der Existenzgründung, oder auch in der Familienzusammenführung hatten. Der Anteil Heimatvertriebener an der Gesamtbevölkerung im Kreis Schlüchtern lag 1950 bei 21%.

 

 

Das diese Fremden nicht aus eigenen Stücken Haus und Hof im Osten verlassen haben, sondern dass sie vor der Roten Armee flüchten mussten um ihr Leben zu retten oder aus ihrer alten Heimat verjagt und in den Westen transportiert wurden, gegen diese Tatsache sperrten sich viele Alteingesessenen. Sie mussten von dem ohnehin schon spärlichen Wohnraum in ihren Häusern für die Einquartierung Räume freigeben. Und so kann man sich vorstellen, dass sie sich mit Händen und Füßen gegen Zwangseinweisungen wehrten, und das Verhältnis zwischen Altbürger und Neubürger von Argwohn und Ablehnung, manchmal sogar von offener Feindschaft geprägt wurde.

 

In zwangszugewiesenen Zimmern und in eigens gebauten Behelfsheimen hofften die Vertriebenen auf eine neue Zukunft, denn an die Anfangs gehegte Hoffnung wieder in die Heimat zurückkehren zu können, glaubte niemand mehr.

Im Rahmen des „Schlüchtern-Plans“ konnten einige bald mit viel Eigenleistung ein Häuschen bauen und beziehen. Das ausgewiesene Baugebiet in der Karlsbader Straße war schon zu klein, und es wurden weitere Straßenzüge neu angelegt. Diese Bautätigkeiten und die Ansiedlung von produzierendem Gewerbe auch aus den Reihen der Vertriebenen hatten einen nicht unerheblichen Anteil am Aufschwung der 50er Jahre.

 

1952 wurde in Sterbfritz ein Ortsverband der Heimatvertriebenen gegründet, um das Zusammengehörigkeitsgefühl, das durch das gemeinsam Erlebte entstand, zu wahren. Man traf sich regelmäßig, anfangs beim „Café-Bäcker“ in der Mittelstraße (heute Im Aspen), später in der Bahnhofsgaststätte bei Paul Jander. Bei besonderen Anlässen wurde mit einer eigenen Kapelle gefeiert und getanzt. Die Musikanten waren die Mitglieder Prem (Trompete), Klingenberg (Ziehharmonika), Sabransky (Akkordeon) und Spielmann (Schlagzeug). In den 60er Jahren gingen die Aktivitäten stetig zurück, 1982 löste man den Ortsverband dann offiziell auf.

 

 

Nachfolgend die Familiennamen der in Sterbfritz angesiedelten Flüchtlinge und Vertriebenen (Ohne Anspruch auf Vollständigkeit) :

 

Aus dem Sudetenland (heute Tschechien)

 

Ardelt, Becker, Berger, Frank, Gabriel, Görnert, Götlicher, Gottwald, Güttel, Hamaier, Hoffmann, Holub, Jonas, Killer, Kohl, Koller, Krause, Kreisl, Lachmann, Landsgesell, Lass, Leckel, Leischner, Maier, Mally, Mikusch, Nebenführ, Pietsch, Pohl, Prem, Rotter, Sabransky, Schestak, Schlattner, Schlögl, Schneider, Schwab, Schwarzer, Skala, Sladek, Stammwitz, Stein, Stiehl, Ullmann, Voigt, Währer, Walther, Weiser, Wiesner, Zeidler

 

Aus Schlesien (heute Polen)

 

Grammel, Hanich, Heimann, Horn, Kischel, Klinkert, Kolomy, Koschella, Kriwalsky, Kubeil, Mai, Machnik, Mildner, Patton, Przewosnik, Rautenstrauch, Rüdiger, Seifert, Sperzel, Thykiel, Wyrwoll

 

Aus Ostpreußen (heute Rußland)

 

Bogdahn, Gadzali, Klingenberg, Zarnack

 

Aus Alsónána (Ungarn)

 

Glöckner, Heberling, Heckel, Kaufeld, Krah, Maul, Reinhard, Rohmann, Schütz, Statler, Wild, Wink

 


Quellen:

​Bilder:

  • Postkarte "RAD-Lager Mottgers"
  • Bundesarchiv B 145 Bild-P000336, Niederseelbach-Taunus, Barackenunterkunft
Karte Sudetenland mit den Ortsangaben der folgenden Zeitzeugenberichte

Auf den folgenden Seiten berichten Zeitzeugen von ihren Erinnerungen an die alte Heimat, der Vertreibung, den Erlebnissen auf dem Weg ins Ungewisse und dem beschwerlichen Neubeginn.

 

Drei Zeitzeugen stammen aus unterschiedlichen Gebieten des Sudetenlandes, einer aus Ungarn.

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