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Sterbfritzer Dorfchronik
Sterbfritzer Dorfchronik

Endstation Sterbfritz

Vielleicht hätte man damals mit geweinten und ungeweinten Tränen den Edersee füllen können, der heute so nach Wasser lechzt. Vielleicht war es ein Hungern nach Güte und Liebe, das uns müde machte. Aber es bedurfte nur eines kleinen Beweises echter Menschlichkeit, und alle verschütteten Quellen von Lebensmut und Freude sprudelten neu hervor. Das wollen wir auch in diesen Tagen nicht vergessen und helfen, wie und wo wir können, auch aus Dankbarkeit für Hilfe, die wir erlebten. - Doch nun wollen wir das Rad der Vergangenheit ein wenig zurückdrehen. -


Die Geschicke des Jahres 1945 hatten uns nach Österreich geführt, doch nach wenigen Monaten mussten wir auch dort von Freunden und Verwandten scheiden. Im Lager Melk wurde nach genauer Kontrolle und Untersuchung ein Transportzug nach dem anderen zusammengestellt. Am 9. April 1946 fuhr auch unser Transport von Melk ab, wir hatten die Waggonnummer 31. In jedem Waggon befand sich ein Ofen, beiderseits Schiebetüren. Und in jedem Waggon hockten 30 Menschen mit wenigen Habseligkeiten und horchten auf das Rollen der Räder. So fuhren wir 4 Tage und 4 Nächte durch Österreich und Deutschland. Manchmal stand der Zug auf offener Strecke, die Lokomotive war vordringlich anderwärts notwendig. Aber wir kamen gut über die Grenze, wieder Untersuchung, Entlausung, Kontrollen, wieder ein willkommener Lebensmittelempfang, dann weiter durch Deutschland. An großen Bahnhöfen täglich einmal etwas Milch für die Säuglinge und Kleinkinder. Bei den Erwachsenen die bange Frage: "Wo führt man uns hin?" - "Wie lange noch?" - "Und was dann?" Was nützte die Mahnung des Gewissens: Gib dich ganz still in Gottes Hand! wenn das Gespenst der Angst uns umkrallen und kein Lichtlein unsere Verlassenheit erhellen wollte?

 

Wieder war eine Nacht angebrochen, das Feuerlein im Ofen war verlöscht, der Zug rumpelte nordwärts, Hessen zu. Manchmal leises Kindergegrein, ein Seufzer im schweren Schlaf, und das eintönige, schläfrige Surren der Räder. Plötzlich schreckt einer hoch: "Wir stehen ja!" Gleich sind alle hellwach, die Schiebetüren quietschen auseinander - Morgengrauen, feiner Nieselregen und eine fast unheimliche Stille. Die anderen Wagen schlafen noch. Gleich ist die Frage nach dem "Wo". Ich klettere mit den jüngeren steifgefroren aus dem Zug, mein Blick fällt auf ein Bahnhofsschild: Sterbfritz. Da musste ich weinen, und alle auf Nr. 31 tun es mit mir. Nun ist alles aus, "Sterbfritz", wie kann es für uns einen Anfang geben? "Sterbfritz", das kann nur das Ende sein. Welches? - Inzwischen regnet es stärker, einige Männer waren beim Bahnhofsgebäude, haben mit Mühe jemanden geweckt, der Zug ist vollwach, Kinderschreien, der russische Posten kommt, geht von Waggon zu Waggon: Alles aussteigen, Gepäck ausladen. Wagen säubern! Mit welcher Wehmut trennten wir uns an diesem kalten 13. April von den Kohle- und Holzstückchen, die noch da waren. Bald kamen Lastautos, heißer Tee wurde verteilt, welche Wohltat! Es ging dann ziemlich schnell. Wir wurden in den Lastautos verstaut, und unsere Tränen mischten sich mit den fallenden Tropfen. In Mottgers wartete ein Barackenlager des früheren RAD. In diesen Räumen war sauberes Stroh aufgeschüttet. Dann begann es wieder: Entlausung, Untersuchung, Kontrolle, aber es war so anders als früher, so menschlich, so gut. Wir konnten uns waschen, wir bekamen regelmäßig zu essen, und das Versprechen, dass dieses das letzte Lager sei. Und so war es. Aber diese Karwoche war trotzdem noch in viel Leid gehüllt. Palmsonntag! Vom Lager aus sahen wir die Konfirmanden mit ihen Angehörigen in Festkleidern zur Kirche gehen, für uns läutete keine Glocke. Am "Krummen Mittwoch" wurden den einzelnen Baracken Zuzugsgenehmigungen für die Orte im Kreise Schlüchtern erteilt. Wir kamen nach Schlüchtern. Im Gespräch mit den Rot-Kreuzschwestern hatte ich inzwischen auch erfahren, wie Sterbfritz zu dem Namen gekommen war. Doch die Lagertage brachten mit mancher kleinen Begebenheit Abwechslung. Einmal verlor ich im Stroh das einzige Löffelchen, das ich hatte. Und ich brauchte es so zum füttern fürs einjährige Kindl. Wir durchwühlten das Stroh, nichts. Da brachte mir Frau Kubetz ein anderes Löffelchen. Wer kann die Freude ermessen? Einmal wollte ich die Kindlwäsche zum Trocknen aufhängen. Da - mein Seil war weg, niemand wusste davon, soviel ich auch fragte, Dann hörte ich die Südmährer Mädchen hinter den Baracken lachen, richtig, sie hatten mein Seil und vergnügten springend sich damit. Wie oft haben sie mich seither wegen der Windelschnur verlacht. Und doch, man darf den ärmlichen Besitz des Armen nicht gering achten, da er ein Leben drauf baut.

 

Und wieder standen Lastautos bereit - es war am Gründonnerstagmorgen. Kinderwagen, Bündelchen, Kisten und Koffer schwankten mit uns im Regen gegen Schlüchtern. Gesprochen wurde nichts mehr, wir waren voll Traurigkeit. Auf dem Schulhof gab es viele helfende Hände. Bald hockten wir wieder auf unserer Habe in der Turnhalle und warteten. Der Herr Bürgermeister Bertram kam, begrüßte uns, die Wohnungskommission fand sich ein, und immer neue Fracht brachten die Lastkraftwagen. Inzwischen weinten die Kleinen vor Hunger und Durst und Verlangen nach Ruhe. Wir versuchten unser Glück und klopften im Schulgebäude bei Frau Fischer an. Der Küchenherd strömte wohlige Wärme - wann war es, dass wir selbst einen schürten? - Sie half so schnell. Gleich durften wir für die Kleinen etwas wärmen, und Frau Fischer tröstete uns, zu Ostern würde es schon anders sein. Ihre Hilfsbereitschaft war ein Lichtstrahl in unsere Verlassenheit. Bis zum Abend war die Turnhalle fast leer, wir hatten mit Einweisungsscheinen die neuen Quartiere aufgesucht. Die Enge in Schlüchtern vermehrt. Es war ein einsames Osterfest, fremd unter Fremden in der Fremde. Wie oft dachten wir da "Sterbfritz", wie sollte es anders sein? Aber die Zeit heilt viele Wunden und schenkte uns viele gütige, barmherzige Menschen, die weiterhalfen. Es war ein unendlich langsames Beginnen in diesen Tagen, aber wir hatten bald Mut und Schaffenskraft wiedergefunden, dazu auch manchen lieben Menschen der Heimat. Der Briefträger kehrte bald auch bei uns wieder ein. Wie das war, wieder einbezogen zu sein in den Kreis der anderen, in ein normales Leben. Ich glaube, wir alle können nicht ermessen, welcher Strom von Liebe nötig war, um alles ins rechte Geleise zu bringen. Und doch muss er vorhanden sein. Lassen wir ihn nie versiege!

 

Walli Domes

 

Quelle:
Bergwinkel-Bote, Heimatkalender für den Kreis Schlüchtern 1955 S.39-41

Zeichnung: Norbert Preiss

 

Eine ähnliche Beschreibung der Ankunft in Sterbfritz findet man auch in der Autobiografie des Dirigenten Alois Springer:

 

"Damals schaute ich aus der kleinen Luke eines Viehwaggons, das Symbol jeder Vertreibung, zusammengepfercht mit verängstigten Menschen, der uns vom Meer wegbrachte und staunte über all die unverständlichen Ereignisse, die um mich herum geschahen. .... Der Viehwaggon mit nach Schweiß und Urin riechenden Menschen hielt damals schlussendlich an einem grauen frühen Morgen in STERBFRITZ. Die knappe Äußerung deiner Großmutter dazu war: 'Das ist der Anfang vom Ende.' Großvater sagte nur, das hätte er sich auch nicht träumen lassen, von Sibirien bis Sterbfritz. Und wahrhaftig: was für ein Weg!"


Alois Springer
... und Olkowitz liegt doch am Meer 2011

 

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