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Sterbfritzer Dorfchronik
Sterbfritzer Dorfchronik

Die Vertreibung aus Südmähren

Der Weg der Familie Koller von Südmähren in den Kreis Schlüchtern

 

Als ich, Hilde Koller in 1929 als sechstes von elf Kindern in unserem Haus in Urbau geboren wurde, ahnten meine Eltern - Eduard und Amalie - noch nicht, dass unsere Heimat Südmähren, eine Region des Sudetenlandes, einer so schrecklichen Zukunft entgegen gehen sollte.

 

Die Eltern bewirtschafteten eine Landwirtschaft in Urbau im Bezirk Znaim. Urbau mit seinen 1138 Einwohner im Jahr 1930, hatte gerade mal 15 tschechische Bewohner, die als Bedienstete hier lebten. Sie gehörten zum Dorf dazu, man hatte mit allen ein gutes Auskommen. Von der Landwirtschaft, den Obstbäumen und dem Weinanbau konnte unsere Familie leben. Die Milchkammer, Sammelstelle für die Milch aller Bauern des Dorfes, war mitten im Ort. Mein Vater war neben Landwirt noch Angestellter der Molkerei. Er nahm die Milch morgens und abends an und sorgte dafür, dass sie gekühlt wurde bis der dafür eingeteilte Bauer den Transport zur Molkerei durchführte. Wir Kinder mussten natürlich alle mithelfen. Meine Aufgabe war, die gebrachte Milch anzunehmen und die Menge dem jeweiligen Bauern gutzuschreiben.

 

 

 

Als ich mit 14 Jahren 1943 aus der Schule kam, gab es bereits das Pflichtjahr, nach dem Gesetz für den Reichsarbeitsdienst (RAD) vom 26. Juni 1935. Ob dieser Dienst bei Bauern oder in der Industrie erfolgen sollte, wurde je nach Bedarf von der politischen Gemeinde entschieden. Ich hatte Glück, da wir eine kleine Landwirtschaft hatten, konnte ich mein Pflichtjahr zuhause machen. Meine älteren Brüder mussten zum Militär oder zum Arbeitsdienst.

 

Auf Anordnung Hitlers und seines NS-Regimes wurden in 1944/45 deutsche Bombengeschädigte aus dem Rheinland nach Südmähren gebracht. Die Schule in Urbau wurde daraufhin als Lazarett eingerichtet wo auch ich mich vom BDM aus engagierte und mithalf. Die auf diese Anweisung hin nach Urbau gekommenen Soldaten sagten aber, sie wollten lieber als Verwundete in die Rotkreuzstadt Prag da könne ihnen nichts passieren! Dem war aber nicht so, nur weil sie Deutsche waren wurden sie dort von den Tschechen auf das schlimmste gequält.

 

Zu dieser Zeit ahnten wir in Urbau noch nichts von Bomben und den Auswirkungen des Krieges. Aber für uns sollte sich das Leben nach dem im Mai 1945 verlorenen Krieg sehr schnell ändern. Benesch, der ehemalige Präsident der Tschechoslowakei, hat nach dem Sieg der Alliierten sein im Exil formuliertes Programm zur Vertreibung der ´Deutschen´ umgehend umgesetzt.

 

In unsere Region, und auch in Urbau marschierten am 8. Mai 1945 die Russen ein, und die Tschechen haben danach den Reibach gemacht, die deutschen Männer wurden ins Arbeitslager gebracht, und die Häuser und Höfe wurden von ihnen besetzt und wir hatten keine Rechte mehr, waren nur noch geduldet und sollten so schnell wie möglich vertrieben werden. Mein Vater kam auch ins Lager, und von da an mussten wir Mädchen und Frauen uns verstecken. Wir haben die Nächte immer draußen geschlafen, um nicht von den Russen entdeckt zu werden.

 

Unser Vater musste vom Lager aus beim Wiederaufbau unserer Kreisstadt Znaim mithelfen, sein Einsatzort lag im Norden der Stadt. Bei einem dieser Arbeitseinsätze ermöglichte der tschechische Gruppenführer meinem Vater die Flucht. Er sah weg, als der Vater mit seiner Arbeitshacker Richtung Heimat lief. Zehn Kilometer zu Fuß, und immer mit der Angst entdeckt zu werden, kam er daheim an und erfuhr von „unserem Tschechen“, dass wir schon seit Wochen weg waren.

 

Wir hatten Glück mit „unserm Tschechen“ der unser Haus vereinnahmte, er war ein guter Mensch. Wir konnten einen Fluchtwagen zusammenstellen, und von ihm aus hätte meine Familie alles mitnehmen dürfen was uns etwas bedeutete. Der Plan war, vor den Russen zu fliehen, und man packte Kartoffel und alles Lebensnotwendige auf den Wagen. Zu dieser Flucht kam es nicht mehr, wir wurden vertrieben und jetzt waren es nur 50 kg pro Person, die erlaubt waren mitzunehmen. In dem Haus der Oma sah das schon anders aus, dort hatte sich der Tschechische Bürgermeister reingesetzt und der passte auf, dass ja nichts Wertvolles mitgenommen wurde.

 

 

Unser Dorf wurde im August und September 1945 in drei Etappen vertrieben. Wir waren bei den ersten, die das Dorf am 9. August verlassen mussten. Wir sind mit dem Wagen, der bereits für eine Flucht gepackt war, dann von unserem Tschechen mit dem Kuhgespann zur Grenze nach Österreich gebracht worden. Die zweite Etappe musste dann schon an der Kirche scharfe Kontrollen und Schikanen von den Tschechen hinnehmen. Und die dritte Etappe, wo auch meine Oma dabei war, musste am Weg nach Österreich zwei Nächte unter freiem Himmel verbringen, weil Österreich sie nicht mehr aufnahm und die Tschechen sie nicht mehr zurück ließen.

 

Unsere verbliebene zehnköpfige Familie, zwei Brüder waren Gefangene und der Vater im Arbeitslager, ist über den Grenzübergang Haid nach Jetzelsdorf. Dort sind wir für 5 Monate in einem Rohbau untergekommen. Ich und zwei Schwestern haben uns Arbeit und Unterkunft in Sirndorf und Umgebung in einer Gärtnerei und bei Bauern gesucht. Wir mussten schwer arbeiten und wurden extrem ausgenutzt. Hier kam unser Vater wieder zur Familie. Er wurde daheim von unserem Tschechen mit einem Laib Brot versorgt, durchs Dorf geführt um keine Probleme zu bekommen, und erhielt von ihm dann noch den Weg beschrieben, wo er uns finden konnte. So kam er im Spätherbst bei uns in Jetzelsdorf an und hat dort auch sofort in der Landwirtschaft mitgeholfen. Durch die Gemeinde von Jetzelsdorf bekamen wir ein Häuschen zugewiesen und konnten unseren Rohbau im Dezember 1945 verlassen. Fünf Monate sollte nun dieses Häuschen die Bleibe der Familie sein. In diesem Häuschen verlebten wir unsere schönste Weihnachten. Der Vater war wieder bei uns und fast die ganze Familie war beisammen, wir Mädchen kamen mit erworbenen Lebensmittel von Sirndorf und ein Bruder war bereits aus der Gefangenschaft angekommen.

 

Aufgrund des Abkommens zwischen Österreich und Deutschland sollten wir Deutschen zurück ins Vaterland. Zu diesem Zwecke wurde in Haugsdorf ein Zug mit 30 Waggons zusammengestellt der über Wien nach Melk fuhr. In Wien wurden vor der Weiterfahrt nach Melk noch mehr Waggons angehängt. In Melk waren wir dann mehrere Tage. Wir wurden in einem leer stehenden Straf- und Gefangenenlager untergebracht, wo wir auf verwanzten Strohsäcken schliefen und mit viel Ungeziefer leben und uns selbst versorgen mussten. Am 9. April 1946 fuhr unser Zug in Melk ab, Ziel Deutschland. Da meine Familie mit dem gleichen Zug fuhr wie Frau Walli Domes möchte ich hier nur auf ihren Bericht „Endstation Sterbfritz“ verweisen.

 

Ich war 17 Jahre als ich ins Lager Mottgers kam, und hierzu möchte ich nochmal auf den Bericht von Frau Domes kommen; bei den lachenden, mit der Windelschnur von Frau Domes hüpfenden Südmährer Mädchen, war ich auch dabei. Bis kurz vor Ostern waren wir im Lager Mottgers.

 

Herr Roth, der im Auftrage des Flüchtlingsdienstes für die Unterbringung im Kreis Schlüchtern zuständig war, holte meine Familie am 18. April nach Schlüchtern. Hier wurden wir für eine Nacht bei Maler Blum, Krämerstraße/Ecke Kirchstraße, untergebracht. Danach kamen wir alle zehn in das Haus der Familie Hosenfeld in der Hanauer Straße. Hier konnten wir in der Mansarde drei Zimmer bewohnen.
Meine Eltern und fünf schulpflichtige Geschwister blieben dort wohnen bis unser eigenes Haus in der Spenglersruh 1948 fertig war. Da mein Vater bei der Stadt Schlüchtern Arbeit fand, war es möglich, dass Herr Grün bei der Kreissparkasse für ihn bürgte und er mit diesem Darlehen letztendlich so schnell ein Haus für seine Familie bauen konnte.

 

Zwei meiner Schwestern und ich wohnten nur kurze Zeit in der Hanauer Straße, wir wurden von Herrn Roth in Stellung untergebracht. Ich kam zu Flemmigs in der Krämerstraße in den Haushalt, dort arbeitete und wohnte ich bis 1950. Danach war ich bis 1953 in der Strumpffabrik Netzolt (später Näherei Hartmann, Bornwiesenweg) beschäftigt.

 

Nach Feierabend half ich ehrenamtlich beim Roten Kreuz als Schwester. Über diese Tätigkeit lernte ich dann auch meinen späteren Mann kennen. Adam Mack aus Sterbfritz war mit seinem Freund Ludwig auf einem Fest am Sportplatz in Schlüchtern wo ich als Rotkreuzschwester Dienst tat. Ludwig erkannte mich als die Schwester, auf die sein Freund Adi bei einem Krankenhausaufenthalt bereits ein Auge geworfen hatte. Und so fuhren die zwei Freunde fortan nach Schlüchtern zu Rendezvous, die in 1953 in die Ehe von mir und Adi führten.

 

In 1954 machte uns die Geburt unserer Tochter sehr glücklich. Wir wohnten in Sterbfritz im Elternhaus meines Mannes, bei Macke in der Ziegelgasse. Mit uns wohnten hier auch noch die Eltern, die Großmutter und die Schwester meines Mannes. Wie es früher üblich war, übernahm der Sohn, Adi, Haus und Landwirtschaft. Dort mit anzupacken war für mich kein Problem, hatten wir doch zuhause auch eine kleine Landwirtschaft. Trotzdem hatte ich es nicht leicht als „Flüchtlingsmädchen“ wenigstens akzeptiert zu werden. Ein Verjagen aus der Heimat unter solch ungerechten und unmenschlichen Umständen konnte man sich in Sterbfritz, dass vom Krieg überwiegend verschont geblieben war, nicht vorstellen . Nicht anders war das auch in der Familie meines Mannes, wir Vertriebene waren Habenichtse die sie jetzt durchfüttern sollten. Verständnis für den jeweils Anderen brachten beide Seiten nur wenig auf, es wurde nicht über die Ursache unserer Flucht gesprochen und auch nicht darüber, das man selbst ein schweres Los zu tragen hatte, Opfer durch den Krieg beklagen musste und selbst auch nicht gerade viel zu beißen hatte.

 

Die Zeit war nicht leicht, aber mein Mann und meine kleine Tochter gaben mir die Kraft für meine Akzeptanz zu kämpfen. Als 1955 mein Mann starb wurde das nicht leichter für mich, ich stand ein weiteres Mal, jetzt als alleinerziehende Mutter, im fremden Land das meine neue Heimat mit meiner Familie werden sollte, vor Aufgaben die mir viel zu viel abverlangten.

 

In dieser Zeit war es für mich sehr hilfreich das ich meine Familie in Schlüchtern hatte und in der größten Not dort Trost und Hilfe fand. Heute wohne ich mit den Familien von Tochter und Enkelin im Macke Häuschen. Wo früher Stall und Scheune stand, steht seit mehr als 40 Jahren das neue Wohnhaus das von Tochter und Enkelin mit Familien bewohnt wird.

 

Ich habe in Sterbfritz bei meiner Familie meine Heimat. An Urbau, meine Heimat in Südmähren denke ich oft. Ganz stark waren die Erinnerungen als der Mann meiner Enkelin 2014 beruflich in Tschechien war und mir aus Urbau ein Bild von unserem Häuschen mitbrachte. Es ist schön zu erfahren, dass Enkel und Urenkel, die ganze Familie an der Herkunft und an den Umständen der Vertreibung von der Oma interessiert sind.

 

 

Ich möchte noch erwähnen, dass wir Kollers, meine Eltern und meine zehn Geschwister fast alle im Kreis Schlüchtern geblieben sind, sich eine neue Existenz aufbauten und Familien gründeten und hier ebenfalls eine neue Heimat fanden.

 

 

Von Doris Alt nach Angaben von Hilde Mack, geb. Koller

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