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Sterbfritzer Dorfchronik
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Unsere Vertreibung von Flöhau nach Mottgers

Von Gudrun Heberling, geborene Währer

 

Bis Ende des Krieges im Mai 1945, ich war gerade 2 Jahre alt, war mein Vater Heinrich Währer, geboren am 8. Dezember 1900, in seinem Beruf als Agraringenieur mit der Verwaltung des Gutshofes der Deutschen Ansiedlungsgesellschaft in Flöhau beauftragt. Er führte den amtlichen Titel „Oberverwalter“ weil ihm noch 7 weitere Gutshöfe und deren Verwalter unterstellt waren, darunter auch der „Auf der Stachel“. Die von ihm zu betreuende Gesamtanbaufläche belief sich auf 3186 Hektar. Auf den Höfen waren bis zum Kriegsende neben den wenigen Deutschen vor allem Tschechen aber auch einige Slowaken direkt oder indirekt in der Landwirtschaft und hier vorwiegend mit dem Anbau und der Vermarktung von Hopfen, Zuckerrüben und Getreide beschäftigt.

 

 

Die ersten Monate nach Kriegsende waren für uns, wie für alle Sudetendeutschen, erschreckend und im wahrsten Sinne des Wortes fürchterlich.

Meine damals 15-jährige Schwester Inge musste mit ihrer gleichaltrigen Freundin aus Furcht vor den einmarschierenden, plündernden und meist stockbetrunkenen russischen Soldaten und den schießwütigen und rücksichtslosen Schläger-und Partisanentrupps der tschechischen Miliz tagelang zwischen den Belüftungsrohrschächten auf dem obersten Boden der Hopfendarre versteckt werden.

Wir alle, vor allen aber meine Mutter, am 15. März 1902 als Bibiana Bender geboren, fürchteten um das Leben meines Vaters, der unmittelbar nach Kriegsende verhaftet und in das Gefängnis nach Podersam verbracht wurde.

 

Wir sind fest davon überzeugt, dass mein Vater seine Unversehrtheit, das Ausbleiben der seinerzeit üblichen Anklage mit der Erschießungsfolge und seine Entlassung aus dem Gefängnis nach „nur“ einem Monat, der Fürsprache seiner tschechischen Mitarbeiter zu verdanken hat. Man mag es an der verhältnismäßig kleinen und doch so vielsagenden Geste erkennen die darin bestand, dass der langjährige Kutscher meines Vaters ihm, wechselweise mit seiner Frau, täglich warmes Essen ins Gefängnis brachte und wahrscheinlich Fürsprache hielt.

Ich bin heute noch sehr froh darüber, dass die beiden Männer sich 1971 in Flöhau noch einmal sehen und umarmen konnten, der Tscheche und der Deutsche.

 

Meine Mutter, meine Schwester und ich mussten zwischenzeitlich, all unser Eigentum zurücklassend und nur mit ein paar Habseligkeiten ausgestattet, Flöhau verlassen und wurden in ein Nebengebäude des schon erwähnten Hofes „Auf der Stachel“ einquartiert. Auch mein Vater kam nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis zu uns „Auf die Stachel“, wo er sich dann für die Erledigung der niedrigsten und der höherwertigsten Tätigkeiten zuständig fühlte. So hat ihm der neu eingesetzte Eigentümer, ein Tabakfabrikant aus Prag, unter anderem alle Vollmachten zur Führung des Hofes erteilt, darunter auch eine Bankvollmacht.

 

Die bis dahin empfundene Sorge um das Schicksal meiner Großeltern, Bibiana und Franz Bender, fand insofern ein vorläufiges Ende, als uns Anfang Juli 1945 ein Brief aus Weißenfels in der „Sowjetisch besetzten Zone“, Sachsen-Anhalt, später DDR, zugestellt wurde, in dem uns mein Großvater seine Vertreibung aus Knöschitz schilderte. So wurden alle deutschen Intellektuelle wie zum Beispiel, Ärzte, Anwälte, Lehrkräfte, vermögende Personen und solche mit vermutetem Einfluss auf die Bevölkerung, aber auch beamtete und angestellte Deutsche des Staatsapparates bereits im Juni 1945, also unmittelbar nach Kriegsende, mit roher Gewalt aus ihren Häusern gejagt und aus der ganzen Region zu einer Fußmarschkolonne zusammengestellt. Sie durften nichts, aber auch gar nichts mitnehmen, außer dem, was sie am Leibe trugen und selbst das wurde nach Wertsachen durchsucht.

 

Sie mussten zu Fuß unter strenger Bewachung, Verhöhnung und willkürlicher Misshandlung durch die selbsternannte tschechische Miliz bis in die sowjetisch besetzte Zone nach Sachsen marschieren, unter ihnen meine Großeltern und meine Tante Theresia mit ihrem 8-jährigen Sohn Klaus, dessen Vater derzeit in französischer Kriegsgefangenschaft war, wie wir später erfuhren.

 

Mein Großvater war Leiter der Volksschule und meine Großmutter Vorsteherin des Postamtes in Knöschitz. Einzig ihr Beruf war ihr Verhängnis, obwohl sie ihn schon über Jahre altersbedingt nicht mehr ausübten. Meine Großmutter war im Vormonat ihrer Vertreibung 80 Jahre alt geworden. Dennoch hat sie den strapaziösen Vertreibungsfußmarsch überstanden, wohl nur deshalb, weil es gelang, sie jenseits der tschechischen Grenze, auf dem sächsischen Teil des Marsches, auf einem Handwagen zu transportieren. Sie fanden Unterkunft in Krauschwitz, einem kleinen Ort bei Weißenfels.

 

„Auf der Stachel“ wurden meine Eltern und ganz besonders mein Vater, von dem neuen Eigentümer für die ordentliche und fachgerechte Bewirtschaftung des Hofes dringend gebraucht. Dieser Umstand führte dazu, dass der neue Eigentümer nach knapp einem Jahr Zwangsarbeit meiner Eltern, meinem Vater anbot, sich mit guten Aussichten auf Erfolg um ein Bleiberecht für ihn und unsere Familie kümmern zu wollen, was von meinen Eltern aber abgelehnt wurde.

 

So kam es, dass wir am 6. September 1946, also fast anderthalb Jahre nach Kriegsende, unmittelbar nach Einbringung der Hopfenernte, mit dem letzten aus Podersam abgehenden Vertreibungstransport aus unsrer Heimat ausgewiesen wurden. Streng von der tschechischen Miliz kontrolliert, mit weißen Armbinden als Erkennungsschandmal versehen, durften wir pro Person nur 50 kg Gepäck mitnehmen. Die Mitnahme von Geld und Wertsachen, wie Sparbücher und Schmuck, waren verboten. Nicht nur das Gepäck, sondern auch die Kleidung, selbst die der Kinder, wurden nach diesen Wertsachen durchsucht. Wir wurden in Viehwaggons regelrecht verladen, 30 Personen mit jeweils 50 kg Gepäck in einen Waggon. Unser Transport bestand aus 42 dieser Waggons. Wir, meine Eltern, meine Schwester und ich, waren mit unserem Gepäck und 26 weiteren Personen in den Waggon Nummer 29 „verladen“ worden. Mein Vater wurde auf Vorschlag aus dem Kreise der ca. 1200 Vertriebenen durch den tschechischen Milizkommandanten zu deren Sprecher und zum verantwortlichen Zugführer ernannt. Er erhielt die Listen mit den Namen aller im Zug befindlichen Personen und war bis zum Zielort des Zuges für deren Belange zuständig und für ihr Verhalten verantwortlich, hatte aber widerspruchslos den Anweisungen der Begleitmiliz bis zur tschechischen Grenze zu folgen.

 

 

Heimatvertriebene werden "verladen".

Nach Beendigung des Verladeprozesses startete unser Transport am späten Abend gegen 22.00 Uhr und erreichte über Franzensbad gegen Mitternacht die tschechisch-sächsische Grenze. Nach kurzem Aufenthalt wegen des „nationalen“ Lokomotivwechsels, wobei wir unsere Waggons verschlossen halten mussten, verließ uns mit der tschechischen Lokomotive auch das tschechische Begleitpersonal, und wir fuhren weiter bis nach Bad Brambach in Sachsen, das wir in wenigen Minuten, kurz nach Mitternacht erreichten.

 

Hier konnten wir unsere Waggons öffnen, und die Erwachsenen sich der schändlichen weißen Armbinden entledigen. So sah es auf dem Bahnhof aus, als ob es im September geschneit hätte. Bei unserem verhältnismäßig kurzen, etwa einstündigen Aufenthalt wurde uns durch das Deutsche Rote Kreuz als „Verpflegung“ Tee verabreicht, bevor wir Richtung Plauen weiter fuhren.

 

Zwischen Plauen und Reichenbach musste unser Zug gegen 4.00 Uhr morgens des 7. September, vermutlich wegen eines Haltesignals anhalten, als ein Güterzug auf den unseren auffuhr. Dabei wurde der letzte Waggon unseres Zuges auf den vorletzten aufgeschoben, unser Zug zwischen dem 30. und dem 29., also unserem Waggon, so auseinandergerissen, dass zwischen den beiden eine mehrere Meter breite Lücke entstand und dennoch der erste Waggon auf den Tender unserer Lokomotive aufgeschoben wurde.

 

Davon kann man zweifellos die ungeheure Wucht des Aufpralls und dessen katastrophale Auswirkung auf die ahnungslosen Menschen ableiten. Dem Knall des Aufpralls folgten laute, nur einige Sekunden andauernde fürchterliche Knirschgeräusche, denen die Angstschreie der Menschen folgten. In den Waggons wurden Menschen und Gepäck durcheinander gewirbelt und als erstes die Kinder, die während der Fahrt ausschließlich auf den Gepäckstücken untergebracht waren, in dem Durcheinander von Gebinden und Koffern gesucht und befreit.

 

Es waren 8 Tote und 186 Schwerverletzte zu beklagen, die zurückgelassen werden mussten. Sicher sind viele aufgrund der Schwere ihrer Verletzungen, möglicherweise noch am gleichen Tage oder kurz darauf, verstorben, so dass man davon ausgehen muss, dass ganze Familien diesem Unglück zum Opfer gefallen sind. In unserem Waggon war, Gott sei Dank, niemand von diesem Schicksal betroffen.

 

Nach mehreren Stunden des Schreckens und des Aufräumens, und nachdem der Zug wieder zusammengestellt, um 6 Waggons gekürzt und mit einer neuen Lokomotive versehen war, fuhren wir weiter nach Altenburg, ca. 50 km südlich von Leipzig, wo die für die in Viehwaggons Transportierten übliche Entlausung vorgenommen wurde. Das dauerte für die ca. 1000 Personen 2 Tage, während denen wir mit einer Scheibe Brot und einer Büchse undefinierbarer Suppe pro Person und Tag „verpflegt“ wurden.

Das Schizophrene an dem Vorgang war, dass wir vor der Entlausung keine Läuse hatten, wohl aber danach, zusätzlich ergänzt durch Wanzen und Flöhe. Während unser Gepäck in diesen 2 Tagen auf dem Bahnhof verblieb, wurden wir, getrennt nach Männer und Frauen, in einem Lager untergebracht. Wir schliefen dort in Dreistockbetten auf Strohsäcken in denen kein Stroh mehr feststellbar war, wohl aber Dreck und Staub. Dort haben wir das Ungeziefer aufgenommen, das für uns, vor allem aber für die Kinder, während unsrer Weiterfahrt bis Arnstadt, ca. 20 km südlich von Erfurt, zu einer fürchterlichen Plage wurde.

 

In Arnstadt kamen wir für 3 Wochen, bis Ende September 1946, in Quarantäne, wo wir 3 mal am Tage, wenn auch eine spärliche, so doch eine ausreichende Verpflegung bekamen und vor allem von dem Ungeziefer befreit wurden. Während dieser Zeit wurde mein Vater zur Übergabe des gesamten Transports und zur Berichterstattung über das erlittene Zugunglück aber auch zu Gesprächen organisatorischer Art bei der Stadtverwaltung einbestellt. Dort erfuhr er, dass der Transport nunmehr geteilt werde und zwar so, dass die Hälfte der Leute nach Apolda und die andere Hälfte nach Erfurt weiterfahren muss, um in diesen beiden Orten dann endgültig zu verbleiben. Mein Vater hat sich erfolgreich dafür eingesetzt, dass bei der Aufteilung auf die Familienzusammenhänge und sogar auf Verwandtschaften Rücksicht genommen wurde.

 

In Arnstadt trennten sich für kurze Zeit die Wege unsrer Familie. Während meine Mutter, meine Schwester und ich mit amtlichen Fahrberechtigungen, allerdings ohne unser Gepäck, im Personenzug nach Krauschwitz zu meinen Großeltern fahren konnten, musste mein Vater den Teiltransport, noch immer in seiner Eigenschaft als verantwortlicher Zugführer und Sprecher der Vertriebenen, nach Erfurt begleiten. Nach ordnungsgemäßer Übergabe des Transportes an die Stadt Erfurt und nach der schmerzlichen Verabschiedung von seinen Landsleuten, konnte mein Vater am nächsten Tag mit unserem Gepäck, unseren paar Habseligkeiten aus der Heimat, mit dem Personenzug zu uns nach Krauschwitz kommen. Anfang Oktober, auf jeden Fall an meinem 4. Geburtstag, dem 8. Oktober 1946, waren wir, wenn auch in einem „fremden“ Land, wieder alle beisammen, meine Großeltern mit Tante und Cousin, meine Eltern, meine Schwester und ich.

 

Noch im gleichen Monat fand mein Vater eine Anstellung in der Verwaltung der örtlichen „Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft“, einer unter dem Kürzel „LPG“ im Osten wie im Westen besser bekannten landwirtschaftlichen Betriebsform nach sowjetischem Kolchosenvorbild, wie sie bis zur Wiedervereinigung in der DDR üblich war.

 

Da es sich inzwischen bei vielen herumgesprochen hatte, dass das Leben der Bevölkerung in der „Amerikanisch besetzten Zone“ freier und damit viel angenehmer war, als das in der „Sowjetisch besetzten Zone“, überlegten mein Vater und 3 seiner Freunde, wie sie ohne Gefahr für ihre Familien und ohne Repressalien ausgesetzt zu werden, in den so genannten „Westen“ gelangen konnten. Bei meinem Vater kam hinzu, dass er regelmäßig von seinen Vorgesetzten, unter Inaussichtstellung einer beruflichen Kariere, aber auch von einigen Arbeitskollegen, aufgefordert wurde, in die damals schon staatstragende Sozialistische Einheitspartei Deutschlands, SED, einzutreten, was er aufgrund seiner Erfahrungen in seiner jüngsten Vergangenheit aber auf gar keinen Fall tun wollte.

 

Nach mehr als einer halbjährigen Überlegungsphase hatten die 4 Freunde eine, wenn auch mit Risiken für sie persönlich verbundene, Lösung gefunden. An Ostern 1947 flüchteten Sie Richtung „Westen“, innerhalb der Sowjetzone, teils legal, teils illegal mit der Reichsbahn. Da sie nach der Vertreibung in unterschiedlichen Orten zwischen den Großräumen Halle und Erfurt untergekommen waren, starteten sie ihre Flucht nicht als auffällige Gruppe, sondern jeder unauffällig auf einem anderen Bahnhof und mit einem anderen Zug. Sie trafen sich an einem vereinbarten Ort,weit vor der Demarkationslinie nahe Eisenach.

 

Die Kommunikation, als Voraussetzung zur Vorbereitung ihrer gemeinsamen Flucht, klappte hervorragend, dank der fast wieder reibungslos funktionierenden Post.

 

Von ihrem Treffpunkt in der Sowjetzone aus marschierten sie dann gemeinsam, das Durchqueren von Ortschaften vermeidend, Richtung Westen. Nach mehrstündigem Fußmarsch überquerten die 4 die Grenze zwischen der sowjetisch und der amerikanisch besetzten Zone bei Dunkelheit in der Feldlage zwischen Vacha und Phillipstal. Noch vor Anbruch des Morgens ihres zweiten Fluchttages erreichten sie Schenklengsfeld, nahe Bad Hersfeld und legten sich in einer offenen Feldscheune zur Ruhe.

 

Durch Zufall oder durch Denunziation, das ist ihnen auch in den vielen Verhören nicht mitgeteilt worden, wurden sie gegen Mittag von einer amerikanischen Patrouille aufgebracht, verhaftet und nach Bad Hersfeld gebracht. Für diesen Fall hatten sie vereinbart, auszusagen, sie seien nicht aus der Sowjetzone sondern aus der Tschechoslowakei gekommen und auf der Suche nach ihren Angehörigen. Dadurch entgingen sie dem Risiko von den Amerikanern wieder an die Russen abgeschoben zu werden, wie es die Siegermächte in ihrem „Potsdamer Abkommen“ vereinbart hatten.

Nach 2 Tagen Gefängnis mit mehreren Einzelvernehmungen, wurden die 4 ursprünglich Vertriebenen, jetzt aber Flüchtlinge, in das Durchgangslager für Flüchtlinge nach Gießen gebracht.

 

Nach wenigen Tagen Aufenthalt im Durchgangslager in denen die zivilen Flüchtlingspapiere ausgestellt wurden, die vor allem die Aufnahme von Arbeit ermöglichten und die Voraussetzung für den Start eines Suchprogramms nach Angehörigen und eines Antrages auf Familienzusammenführung waren, wurde mein Vater mit anderen, rein zufällig, in das Lager für Flüchtlinge und Heimatvertriebene nach Mottgers verbracht.

 

Während mein Vater meine Mutter, wann immer möglich, über seinen Aufenthalt und sein Befinden nach seiner Flucht postalisch informieren konnte, hatte sie diese Möglichkeit, wegen seines fast ständig wechselnden Aufenthaltsortes leider nicht. Ein regelmäßiger, postalischer Nachrichtenaustausch war erst ab Juni 1947 nach und von der Adresse „Lager Mottgers“ möglich.

 

Nach mehrwöchiger Arbeitssuche und nach Kurzzeittätigkeiten innerhalb und außerhalb des Lagers, fand mein Vater am 1. August 1947 eine Anstellung als landwirtschaftlicher Berater beim Landwirtschaftsamt in Schlüchtern, einer staatlichen Verwaltungsstelle der Land- und Forstwirtschaftskammer Frankfurt am Main. Darüber waren wir alle sehr glücklich, zumal uns mein Vater mit der Aussage zuversichtlich stimmte, einen Weg zu kennen der uns alle in Mottgers wieder zusammenbringt, wenn auch „nur“ in einem Lager.

 

In diesem Brief hatte er auch zuversichtlich vorausgesagt „den Geburtstag der Kleinen feiern wir zusammen“. Seinen Anträgen auf Familienzusammenführung wurde tatsächlich in verhältnismäßig kurzer Bearbeitungszeit, trotz der verschlungenen Wege der jeweiligen Kreis- und Besatzungsverwaltungen, zugestimmt.

So konnte meine Schwester bereits im August legal und ausgestattet mit einer Fahrkarte der Reichsbahn, von Krauschwitz in Sachsen-Anhalt nach Mottgers in Hessen ausreisen. Die postalische Nachricht meines Vaters, meine Schwester sei gesund bei ihm angekommen, hat die in Krauschwitz zurückgebliebene Familie froh gestimmt und die Zuversicht vermittelt, dass auch meine Mutter und ich irgendwann zu meinem Vater und zu meiner Schwester in den „Westen“ würden nachreisen können.

 

„Schon“ 2 Monate später war dies der Fall, als meine Mutter und ich mit unseren paar Habseligkeiten ganz legal im Rahmen der Familienzusammenführung im Personenzug 3. Klasse von der „Ostzone“ in die „Westzone“ übersiedeln konnten.

Wie von meinem Vater angekündigt, waren wir an meinem 5. Geburtstag, dem 8. Oktober 1947, alle wieder beisammen, meine Eltern, meine Schwester und ich. Für mich das allerschönste Geburtstagsgeschenk im Lager Mottgers.

Natürlich waren die Lebensumstände für uns sehr dürftig. Wir waren im Lager alle 4 in einem einzigen Raum einer Holzbaracke untergebracht und wurden durch eine zentrale Küche und Essensausgabe zu den üblichen 3 Mahlzeiten mit Lebensmitteln versorgt. Unsere „Einzimmerwohnung“ war zunächst nur mit 3 Eisenbetten „möbliert“ deren Strohsäcke von meinem Vater mit frischem Stroh gefüllt worden waren. Das „Bettzeug“ beschränkte sich auf 3 Wolldecken aus Armeebeständen. Mein Vater konnte allerdings bald das Mobiliar durch einen anderswo nicht mehr gebrauchten Tisch mit 4 Hockern und später noch durch einen Ofen „vervollständigen“.

Der außendienstliche Betreuungsbereich meines Vaters als Landwirtschaftlicher Berater erstreckte sich über den östlichen Kreis Schlüchtern. So musste er, neben interessierten Landwirten in den Orten der näheren Umgebung, auch Landwirte in Oberkalbach, Uttrichshausen und Heubach zu Beratungszwecken aufsuchen. Für diese Dienstreisen stand ihm als Dienstfahrzeug ein schwarzes Fahrrad zur Verfügung. Wegen der verhältnismäßig großen Fahrradstrecken über Berg und Tal musste er des öfteren in diesen Ortschaften, meist bei den von ihm betreuten Landwirten, übernachten.

Lager Mottgers

In den Sommermonaten hat er mich oft auf dem Gepäckträger mitgenommen, besser gesagt zur Hälfte der Strecke mitgenommen, denn die andere Hälfte musste er, der Berge wegen, schieben, und ich aus dem gleichen Grund laufen.

Während meine Schwester bald eine Lehrstelle bei einer ebenfalls heimatvertriebenen Schneiderin in Schlüchtern fand, arbeitete meine Mutter im Winter 1947/48 in der Lagerküche zusammen mit den Rotkreuzschwestern Irmgard, Vertriebene aus Schlesien, Anni aus Wallroth, Hannelore aus Steinau und Schwester Kathi, von der wir nicht mehr wissen wo sie herkam. Ab Frühjahr 1948 arbeitete meine Mutter sporadisch, wann immer sie gebraucht wurde, bei einem Landwirt in Mottgers. Im Sommer begleitete ich sie oft in den Wald zum Beerenpflücken und im Herbst zum Bucheckernlesen.

 

Da es in den anderen Lagerfamilien ähnlich gewesen sein muss, waren wir Kinder meist auf uns selbst angewiesen. Die Größeren hatten auf die Kleineren zu achten und nutzten ihre „Macht“, wie wir Kleineren meinten, oft schamlos aus. Was wir nicht wussten war, dass die Größeren von den Erwachsenen zur Rechenschaft gezogen wurden, wenn wir Kleineren etwas angestellt hatten oder uns etwas zugestoßen war.

Als einzige Anlaufstelle für die Belange der Kinder und besonders für mich, war der Batschka-Opa. Seinen richtigen Namen kenne ich gar nicht. Er war uns ein richtiger Opa. Er tröstete uns, wenn wir Kummer hatten oder hingefallen waren und schlichtete, wenn es Streit gab, und dies alles in seinem unverwechselbaren ungarndeutschen Dialekt. Er stammte aus Südungarn, der Batschka, einer äußerst fruchtbaren Region zwischen Donau und Theis.

 

Wie viele, war auch er bei der Vertreibung von seiner Familie getrennt worden, die er jetzt schon seit fast 2 Jahren vergeblich suchte. Ich hoffe, dass er seine Angehörigen doch noch gefunden hat. Ich habe ihn wie einen eigenen Großvater gemocht, ihn aber im Auflösungsjahr des Lagers, 1950, aus den Augen verloren.

Trotzdem ich damals erst 7 Jahre alt war, werde ich den gütigen Batschka-Opa des Lagers Mottgers nie vergessen.

 

Ein weiteres unvergessenes Lagererlebnis war Weihnachten 1947, das ich als damals Fünfjährige noch heute bewusst als Beschenkte wahrgenommen habe. Wir hatten erstmals nach Jahren wieder einen Weihnachtsbaum den ein Landwirt aus Oberzell meinem Vater geschenkt hatte, und ich erhielt als Weihnachtsgeschenk einen kleinen Lederdackel und ein Nachthemdchen vom Roten Kreuz. Als Weihnachtsmenü gab es Kartoffelsalat mit Würstchen, was ich ganz toll fand.

 

Spätestens ab meiner Einschulung am 21. April 1949 hatte sich unsere Wohnadresse von „Lager“, in „Baracke“ Mottgers geändert, wie aus meinen Einschulungsunterlagen hervorgeht. Dies war zwar nur ein verbaler, dennoch aber ein Entwicklungsfortschritt. Unsere Adresse klang nicht mehr vorübergehend, obwohl sich unsere bescheidenen Wohnverhältnisse bis dahin kaum verbessert hatten.

 

Erst ab dem 2. Dezember 1950 sollten die Wohnverhältnisse für unsere Familie besser werden. An diesem, für uns einschneidenden Termin, konnten wir eine Dreizimmerwohnung im so genannten „Großen Haus“ des ehemaligen Blaufarbenwerks beziehen.

 

Eine inzwischen, unter maßgeblicher Beteiligung des aus Römerstadt im Sudetenland stammenden Pfarrers Hauck, gegründete Siedlungsgenossenschaft hatte dies möglich gemacht. Neben der Förderung des Eigenheimbaus für viele Vertriebene wurde unter der Obhut der Siedlungsgenossenschaft das „Große Haus“ vom Keller bis zum Dach in ein Mehrfamilienhaus umgebaut.

 

Unmittelbar danach entstanden unter der Regie von Pfarrer Hauck in der „Siedlung“, wie der neu entstandene Ortsteil von Mottgers inzwischen genannt wurde, die katholische Kirche von Mottgers mit einem der Siedlung angepassten Pfarrhaus, im Wesentlichen erbaut und teilfinanziert von den Heimatvertriebenen aus dem Sudetenland. Nach festgesetzten Regeln wurden Lohnanteile, „Prokopfspenden“ und darüber hinaus gehende Geldleistungen der Siedlungsbewohner zur Finanzierung, sowie zusätzlich von jedem Erwachsenen in der Siedlung eine vorgegebene manuelle Arbeitsleistung bei der Baumaßnahme, erbracht.

 

Erst nach dem Neubau eines eigenen Wohnhauses und unseres damit verbundenen Umzugs von Mottgers nach Sterbfritz im Dezember 1952, begann für meine Familie die erst viel später erfolgreich abgeschlossene Integrationsphase in der neuen Heimat.

 

Für mich begann diese Phase allerdings schon viel früher und zwar schon bei meiner Einschulung in Mottgers, im Jahre 1949, was zur Folge hatte, dass ich in der Anfangszeit nach unserem Umzug nach Sterbfritz, als nunmehr Zehnjährige, immer wieder zu meinen Freundinnen nach Mottgers „flüchtete“.

 

 

Gudrun Heberling, geborene Währer, im Oktober 2007

 

Gudrun Währer, geboren am 08.10.1942 in Saaz, aufgewachsen in Flöhau, Kreis Podersam.
Entfernung des Wohnortes Flöhau zur Kreisstadt Podersam 5 km und zur Geburtsstadt Saaz 16 km.

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