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Sterbfritzer Dorfchronik
Sterbfritzer Dorfchronik

Zurück ins „Altreich“

Ein Erfahrungsbericht von Lilo Hohmann, geb. Schlattner

 

Meine Heimat

Geboren wurde ich 1924 in Tyssa (Bezirk Tetschen in Böhmen/Elbesandsteingebirge in der Tschechoslowakei (CSR). Kurz nach Kriegsende begannen die Tschechen, alle Deutschen über die Grenze ins „Altreich“, wie sie damals sagten, in die „angestammte Heimat“ zu vertreiben. Für meine Eltern Rudolf und Charlotte, meinen kleiner Bruder Heinz und mich kam dieser schreckliche Tag am 26. Juli 1945. Es war der Tag des von uns allen so geliebten und geschätzten Anna-Fests, auch „Tyßner Fest“ genannt. Dieses Fest wurde zu Ehren unserer Pfarrkirche St. Anna mit einem Markt, Volksbelustigungen, Karussells, und einem großen Ball drei Tage lang gefeiert. Für uns Mädchen war es ein jährlich wiederkehrendes Erlebnis, das bis heute einen festen Platz in meinen Erinnerungen hat.

 

Der 26. Juli 1945 prägt meine Erinnerung auf eine leider nicht gute Weise: Wir wurden aus der Geborgenheit des Hauses und der Dorfgemeinschaft gerissen und unter Nichtbeachtung der einfachsten Menschenrechte davongejagt. Nur unabkömmliche Fachkräfte (U.K.-Gestellte) durften bleiben. Auch unsere sehr betagten Großeltern mütterlicherseits wurden, wie wir, vertrieben und mussten den beschwerlichen Weg zu Fuß antreten. Unser 80-jähriger Großvater väterlicherseits hingegen durfte vorerst bleiben, warum ist unbekannt.

Die Ausweisung betraf fast den halben Ort, der mit seinen 1867 Einwohnern (1939) gerade mal 25 tschechische Bewohner hatte. Kein einziges der ca. 400 Häusern besaß ein Tscheche. Tyssa war aufgrund der Gebirgslage nie von Landwirtschaft geprägt, es war eher kleinbäuerlich strukturiert. 1934 gab es gerade mal 30 Vollerwerbs-Landwirte, aber eine Vielzahl landwirtschaftlicher Nebenbetriebe. Schon im 18. Jahrhundert überwogen gewerbliche Einkommensquellen, im Jahr 1939 kam auf den Bereich Industrie und Handwerk der entsprechend hohe Anteil von 67,3 % der wiederum in der Bevölkerung dem hohen Anteil von 57,8% Arbeitern entsprach.

 

Tyssa war ein Luftkurort mit guter Infrastruktur, Bürgerschule (heute Realschule), Turnhalle, Kino, Schwimmbädern, Seen und eine kleine Skisprungschanze. Schon seit Anfang des 19 Jahrhunderts gab es den Distriktarzt mit Hausapotheke, ein Arbeiterkonsumverein, eine Gewerbegenossenschaft, Spar- und Kreditverein und eine Bezirkskrankenversicherungsanstalt. In fast 20 Betrieben wurden Knöpfe und Metallwaren, Baubeschläge, Metallgießereierzeugnisse, Reißverschlüsse und Kartonagen produziert. Das Gastgewerbe, das ein Hotel, ca. 15 Gasthäuser und eine Vielzahl von Fremdenzimmerbetrieben umfasste, konnte sich ebenfalls sehen lassen. Brauchtum und Kultur wurde durch die große Anzahl der örtlichen Vereine gepflegt.

 

Schulskifahren in Tyssa ( X Lilo Schlattner)

Im Winter war Tyssa ein Märchen! In dem 620 m hoch gelegenen Ort brachte der Winter viel Freude. Der Abfahrtshang neben Turnplatz und Volkshaus, wo auch die Sprungschanze war, gehörte zu den beliebtesten Pisten. Von der Schule aus wurde am Püschnerberg und an den Hängen im Loschbachtal Ski gefahren. Und im Sommer wurde geturnt. Offizielle Winterferien gab es damals nicht, dafür aber die geliebten Kohleferien, die bei genügend Schnee und Kälte angeordnet wurden.

 

Nach dem Besuch der Mittelschule machte ich bei einem Onkel im Nachbarort Königswald in dessen Reißverschluss-Fabrik eine Lehre und schloss sie 1942 mit dem Industriekaufmanns-Gehilfenbrief ab.

 

 

 

Da meine Ausbildungszeit in die Kriegsjahre fiel, musste ich direkt nach der Lehre diverse Stationen im Reichsarbeitsdienst-Einsatz 1) absolvieren. Meine letzte Station war in Aschheim bei München, wo wir Scheinwerfer bedienten, um bei Angriffen den Himmel abzuleuchten.

 

Von Aschheim aus versuchte ich mit fünf Mädels (aus einem Nachbarort von Tyssa und aus dem Egerland) über Mühldorf zurück in die Heimat zu kommen. Dieses Vorhaben hat uns sehr viel abverlangt und wir bangten mehr als einmal um unser Leben, denn Tiefflieger nahmen unseren Zug unter Beschuss. Wir trugen noch die Arbeitsdienstuniformen, was die Fahrt durch die Tschechei auffällig und gefährlich machte. Deshalb machten wir in Teblitz-Schönau bei meiner Tante Anna Zwischenstation, kleideten uns zivil ein und schon ging es weiter in Richtung Tyssa.

 

Kurz nachdem wir zuhause angekommen waren, es war inzwischen etwa zehn Uhr abends, klopfte es an der Tür. Es handelte sich um Soldaten der Wlassow-Truppe, meine Mutter und ich standen unter Schock, doch die Soldaten baten nur, sich was zum Essen machen zu dürfen. Nachdem sie sich mit Kaffee und gebackenen Eiern gestärkt hatten, zogen sie wieder ab.

 

Viele aus dem Dorf hofften, dass sich die Lage nach Abzug der Russen verbessern würde. Doch diese Hoffnung war ein Trugschluss. Die Männer von Tyssa mussten täglich Straßenbauarbeiten in und um Tyssa verrichten. Eines Abends schließlich kamen sie nicht mehr nach Hause: Sie wurden von tschechischen Lastwagen abgeholt und direkt ins tschechische Konzentrationslager Lerchenfeld in Aussig an der Elbe gebracht - zur Zwangsarbeit.

 

Unsere Vertreibung

Durch Mund zu Mund Information wurde die Ausweisung der Sudetendeutschen bekannt- aber nicht geglaubt! Überraschend begann dann die (wilde) Vertreibung. Sogenannte Revolutionsgarden, auch Plündergarden genannt, besuchten ausgewählte Häuser und informierten die Bewohner, dass sie sofort gehen müssten. Auch wir wurden gezwungen unser Haus zu verlassen und uns um sechs Uhr morgens am Volkshaus zu versammeln. Jeder durfte Gepäck von höchstens 30 kg mitnehmen, alles andere mussten wir zurücklassen. Und selbst diese letzten Habseligkeiten wurden noch kontrolliert, was bedeutete, dass uns alles Wertvolle, wie Schmuck, Eheringe etc. abgenommen wurde. Danach zogen die Tschechen von Haus zu Haus und nahmen alles an sich, was wir zurücklassen mussten.

 

Es folgte ein langer Fußmarsch von Tyssa über Peterswald nach Markersbach in Sachsen, wo uns Bauern in ihren Scheunen aufnahmen. Gegen Arbeit erhielten wir zu essen, außerdem ernährten wir uns von Pilzen und Beeren, die wir im Wald sammelten. Der lange Fußmarsch war eine reine Schikane gewesen, denn über die grüne Grenze durch den Wald, war es von Markersbach nach Tyssa gerade mal so weit wie von Sterbfritz nach Ramholz. So gingen einige bei Nacht unter Lebensgefahr zurück nach Tyssa, um aus Verstecken Wertsachen, Eingewecktes und sonstige zurückgelassene versteckte Habe zu holen.

 

Unsere Suche nach einer Zukunft

In Markersbach konnten und wollten wir nicht bleiben. Es lag in der sowjetisch besetzten Zone, wir aber wollten eine Bleibe in den westlich besetzten Zonen finden. Es galt nun zu entscheiden, welchen Weg wir in die ungewisse Zukunft einschlagen sollten.

 

Zunächst gingen wir mit der ganzen Familie nach Lehnstedt in Thüringen, wo wir wieder bei einem Bauern unterkamen. Wir, das war mein Vater, meine Cousine Anni und ich, gerade mal 21 Jahre alt, wollten einen Weg auskundschaften und heimlich von Probstzella (ein Ort an der Südgrenze der Sowjet-Zone) nach Coburg über die Grenze. Eine Freundin aus meiner Arbeitsdienstzeit hatte mir den Tipp gegeben, dass dort ein Loch zum Durchkommen sei, doch wir hatten keinen Erfolg!

 

Besser erging es uns bei unserem nächsten Versuch in der Nähe von Nordhausen, über das Lager Friedland. Es liegt etwa zehn Kilometer südlich von Göttingen und ist der Ort, an dem damals alle drei Besatzungszonen aufeinandertrafen: die russische, die amerikanische und die britische Zone. Weiter ging die Reise nach Günzburg. Laut Auskunft des Roten Kreuzes sollte unser Onkel Friedel dort in der Nähe bei Bauern arbeiten. Wir suchten und fanden ihn, damit waren wir nun zu viert. Gemeinsam konnten wir nun auskundschaften, wo im Westen Zuzug für die ganze Familie möglich wäre. Zunächst aber kehrten wir zum Rest unserer Familie zurück, die noch immer in Lehnstedt/Thüringen (sowjetische Zone) war.

 

Aber wir gaben nicht auf. Um legal in eine westliche Zone zu reisen, benötigte die Familie einen Zuzugsschein. So machte ich mich mit meinem Vater, Cousine Anni und Onkel Friedel erneut auf den Weg nach Westen. Ein erster Versuch über Hof (amerikanische Zone) scheiterte, aber wir ließen uns nicht entmutigen. Wir zogen weiter, entlang der Grenze zwischen der sowjetischen und amerikanischen Zone, bis wir schließlich in Fulda ankamen. Überall fragten wir, wo Zuzug möglich sei, und endlich trafen wir einen Matrosen, der meinte, er habe ‚die Schnauze voll‘ und gehört, dass in Schlüchtern Zuzug möglich sei. Damit stand unser nächstes Ziel fest.

 

In Schlüchtern angekommen beantragten wir eine Zuzugsgenehmigung für die ganze Familie und wir bekamen sie. Es folgte eine nicht ungefährliche Rückreise, zunächst über Fulda nach Tann in der Rhön. Am Theobaldshof kehrten wir ein und der Bauer hat uns sehr geholfen, auch weil er uns davon abriet, über den Katzenstein zu gehen, denn dort warteten russische Soldaten. Viele Jahre später kam ich bei einem Rhönklubausflug mit seinem Enkel ins Gespräch und erfuhr, dass der Bauer wohl ein Nazi gewesen ist, er aber trotzdem vielen Menschen geholfen hat.

 

So setzten wir unsere Reise fort, zunächst nach Zella in der Thüringischen Rhön, dann nach Weimar und kamen schließlich in Lehnstedt/Thüringen an, wo die Eltern und Großeltern Schlattner und Kraut waren. Mit der Zuzugsgenehmigung in der Tasche reiste dann die Familie nach Eisenach und von dort legal über die Grenze nach Schlüchtern

 

Ankunft

Wir hatten es geschafft! Nach der Ankunft am Bahnhof in Schlüchtern wurden wir vorübergehend in der Volksschule untergebracht. Es musste eine Unterkunft gefunden werden und als Onkel Friedel sagte: „Wir kommen nach Sterbfritz!“, antwortete ich: „Du immer mit Deinen Witzen …“

 

Ungeduldig wie ich war, suchte ich sofort nach Arbeit und wurde bei Herrn Roth im „Gelben Haus“ (heute Polizeistation) in Schlüchtern vorstellig. Beim Nennen meines Berufes (Industriekaufmann) sagte er: „Industrie haben wir hier nicht.“, gab mir aber die Empfehlung, im Hof Reith nachzufragen. Dort wohnten Schüler des Ulrich-von-Hutten-Gymnasiums, die von Frankfurt ausquartiert worden waren und seine Tochter sei dort Köchin. So stellte ich mich beim Ehepaar Dr. Fischbach (Heimleitung) vor und arbeitete den Sommer über im Haushalt. Ria Roth ermöglichte es mir, in ihrem Zimmer zu schlafen. Doch trotz der nun besseren Unterkunft habe ich viel geweint.

 

Meine neue Heimat Sterbfritz

Vor der Baracke 1946 (v.l. Lotte, Hedwig, Lilo)

An einem freien Tag machte ich mich zu Fuß von Hof Reith auf nach Sterbfritz, wo meine Familie bereits in den ehemaligen Baracken des Arbeitsdienstes (heute Sängerheim) untergebracht war. Als ich das Dorf erreichte, war der erste Eindruck keinesfalls gut: ich sah nichts anderes als Misthaufen. Mir kam der Gedanke: „Hier kannst du nicht bleiben!“ Angekommen im Behelfsheim, der Unterkunft meiner Familie, wurde es nicht besser - die Ausstattung war noch mehr als ärmlich, zwei eiserne Betten und Strohsäcke. Wir fanden Koldern (Decken), ein Überbleibsel der Amerikaner. Als wir uns daraus Mäntel nähten, wurden wir dann von einigen Sterbfritzern neidisch beäugt.

 

Und wieder machte ich mich auf Arbeitssuche, doch dieses Mal war das Glück auf meiner Seite. Ich konnte wieder als ‚Bürokaufmann‘ arbeiten, bei der Firma ALJA, Familie Jakobowsky in der Weinstraße, zusammen mit den Kollegen Herrn Koch (Vater von Willi Koch) und Liesel Leischner. Später erfuhr ich, dass man vor meiner Einstellung ein ausführliches Eignungsgutachten durch das Institut für Menschenkunde erstellen ließ. Offenbar erwies ich mich als vertrauenswürdig.

 

 

 

Durch Frau Jakobowsky, die bei der UFA beschäftigt war, wurde Sterbfritz von vielen Prominenten besucht, darunter auch der Schriftsteller Carl Zuckmeyer („Des Teufels General“). Bei Besuchen in Deutschland wohnte er als Freund der Familie entweder bei Kramers, oder in Jakobowskys Gästehäuschen (heute Patzer-Haus). Frau Zuckmeyer suchte, als sie ebenfalls zu Besuch in Sterbfritz war, jemanden, der für sie tippen konnte. Aufgrund unserer taktvollen und gefälligen Arbeitsweise wurden Liesel Leischner und ich gefragt ob wir uns was dazu verdienen wollten. Und so kam es dass wir auf Empfehlung von Herrn Jakobowsky die Memoiren von Frau Zuckmeyer tippten.

Von 1947 bis zu der Stilllegung der ALJA nach der Währungsreform in 1950 hatte ich seit meiner Lehre, den vielen Stationen durch den Arbeitsdienst und dem Arbeiten bei Bauern nach unserer Vertreibung, endlich eine Arbeitsstelle im Büro. Aufgrund meines guten Arbeitszeugnisses konnte ich direkt im Anschluss zur Firma Rohm und Werner, wo ich bis 1952 der Mahn- und Rechtsabteilung zugeteilt war und die zahlreichen Debitorenkonten überwachte. Aufgrund notwendig gewordener Einsparungsmaßnahmen verlor ich zum 31.12.1952 erneut meinen Arbeitsplatz, konnte dann für eineinhalb Jahre in Mottgers bei der Weberei Heinegans als kaufmännische Angestellte arbeiten. Hier musste ich, wegen der fehlenden arbeitszeitentsprechenden Fahrverbindung zwischen Mottgers und Sterbfritz, im August 1954 das Arbeitsverhältnis beenden. Ich wohnte mit meiner Familie weiterhin im Behelfsheim, bis unser Haus in der Karlsbader Straße fertig war.

Da ich in meiner Jugend eine leidenschaftliche Skifahrerin war, fragte ich mich durch, wo man in Sterbfritz Ski bekommen könne. Mir wurde geraten, zum Schreiner Hohmann am Küppel zu gehen, der ‚Küppels Hans‘ würde Ski anfertigen. Und so lernte ich über meine Liebe zum Skifahren meinen Hans kennen. Er war einer der wenigen, die in Sterbfritz Ski fahren konnten, weil er mit der Hitlerjugend von Schlüchtern in Damüls/Österreich auf Skikurs war.

 

In 1952 heiratete ich Hans Hohmann und da die Bevölkerung von Sterbfritz evangelischen Glaubens war, trat ich in 1953 aus der katholischen Kirche aus und stellte ein Eintrittsgesuch beim Kirchenvorstand der evangelischen Kirche, dem im November 1953 durch den Kirchenvorstand (Unterschriften Elgert und Kraus) entsprochen wurde. Meine drei Kinder wurden alle evangelisch getauft.

 

Nach der Geburt meiner Tochter 1954 kam ich durch Marga Krack zur Heimarbeit der Schuhfabrik ICAS, wo ich in 1957 aufgrund meiner Berufsausbildung und meiner Arbeitszeugnisse ins Lohnbüro übernommen wurde. In den Firmen ICAS und später Phönix war ich bis zu meiner Rente im Lohn- und Personalbüro in verantwortlicher Position beschäftigt.

 

Fahrten zu den Firmensitzen von ICAS in Frankfurt und Phönix in Hamburg zur Erstellung, bzw. Erfassung der Lohnabrechnungen gehörten zu meinen Aufgaben. Bei ICAS wurden die Lohndaten auf Lochkarten in Sterbfritz erfasst und ich brachte diese Karten pro Lohnabrechnungsintervall mit meiner Kollegin Gertrud O. nach Frankfurt zur Firmenzentrale. Die Wartezeit in der die Karten durch die Hollerith-Lochkartenverarbeitung liefen, nutzte man sehr gerne mal für einen Einkaufsbummel auf der Zeil. Für uns Sterbfritzer war das doch was Besonderes. Nach der Maschinenverarbeitung erhielten wir unsere Lochkarten und die entsprechenden Auswertungen, sowie ein Scheck über die auszuzahlende Lohnsumme und fuhren mit dem Zug nachhause. ICAS schloss für mich eine extra Versicherung ab, die das Risiko dieses Transportes decken sollte. In Sterbfritz wurde der Scheck in der Kreissparkasse von Herrn Vey eingelöst, mein Begleiter war hier immer unser Betriebsleiter Ludwig Schneider. Das Geld wurde in Lohntüten, die man handschriftlich mit Personalnummern adressierte, verteilt. An diese verantwortungsvolle und sorgfältig auszuführende Arbeit mit all ihren Tücken können sich auch meine Kolleginnen, z.B. Gertrud O., Annemarie K., noch gut erinnern.

 

Später, unter dem Namen Phönix, musste ich alle 10 Tage mit dem Zug nach Hamburg zum Firmensitz fahren, um die Lohn- und Gehaltsabrechnungen, die dort per EDV verarbeitet wurden, zu prüfen und zu korrigieren. Auf einer dieser Reisen kam es zu einem, für den Bahnhof Sterbfritz einmaligen Ereignis, dem Halt eines Intercitys (ICE). Weil in Fulda mein Verbindungszug aufgrund der Zugverspätung aus Hamburg schon weg war und ich, als Bahnstammkunde daraufhin einen Aufstand machte, wurde von der DB veranlasst, dass der ICE Nachtzug nach München über Würzburg einen Halt am Bahnhof Sterbfritz machte, was bei Bahnpersonal und Bahnhofsgaststättenbesuchern für großes Aufsehen sorgte.

 

Aus meinen fast fünfzig, zum Teil sehr bewegten Arbeitsjahren, wäre noch vieles zu sagen, ich möchte es aber bei dem hier erwähnten belassen. Nur eines noch: Wir Vertriebene haben nicht nur unsere Heimat verloren! Wir haben private Erinnerungen und Fotos verloren, Dokumente aller Art und auch Nachweise der Beschäftigung. Und so mussten viele, auch ich, für die Berechnung unserer Rente glaubhafte Zeugen finden für Bescheinigungen und eidesstattliche Erklärungen um die Beschäftigungen für den Rentenanspruch nachzuweisen.

 

Was ich mit vielen betroffenen Vertriebenen teile, ist die Erfahrung, dass wohl das traurigste Erlebnis neben dem Verlust eines lieben Menschen, der Tag der Vertreibung aus der teuren Heimat war. Und doch bin ich dankbar und zufrieden, dass ich in meinem Lebensabschnitt danach eine neue Existenz aufbauen konnte, eine Familie gründen durfte, gesund blieb bis in mein hohes Alter und in gebührendem Abstand von den bedrückenden Erlebnissen vordergründig nur noch an das Erfreuliche und Schöne zurückdenke.

 

Erstellt im September 2018 von Doris Alt (Mitglied Chronikteam)

 

 

  1. Der Reichsarbeitsdienst (RAD) war eine Organisation im nationalsozialistischen Deutschen Reich. Das Gesetz für den Reichsarbeitsdienst wurde am 26. Juni 1935 erlassen. § 1 (2) lautete: „Alle jungen Deutschen beiderlei Geschlechts sind verpflichtet, ihrem Volk im Reichsarbeitsdienst zu dienen.“

Quellen:

  • Chronik von Tyssa
  • Nordböhmischer Heimatbrief –Trei da Hejmt!-
  • Arbeitszeugnisse und weitere Dokumente aus dem Berufsleben
  • Postsparbuch mit Reichsarbeitsdienststationen
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