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Sterbfritzer Dorfchronik
Sterbfritzer Dorfchronik

Gesundheitswesen

Wie stand es früher um die ärztliche Betreuung im Bergwinkel?

 

Der erste im Bergwinkel ansässige studierte Arzt war Dr. Heinrich Schönbub, der zu Beginn des 17. Jahrhunderts in Schlüchtern und Steinau wirkte. In den Jahren zuvor wurde für das Schlüchterner Kloster und Gymnasium Dr. Happel aus Gelnhausen herbei geholt, und die gräfliche Familie ließ bei ihrer Anwesenheit in Steinau oder Schwarzenfels Hanauer Ärzte kommen. Erst nach dem 30-jährigen Krieg wurden die ersten Arztpraxen im oberen Kinzigtal eröffnet.

 

Es waren in Steinau 1667 Dr. Johannes Causius, 1684 der ehemalige Bader Christoffel Ruppel und 1706 der Chirurg Gustav Heinrich Ludewig. In Schlüchtern wirkte 1715 der Wundarzt A. Mühlhausen, in Salmünster 1668 der Amtschirurg Martin Thaue, in Schwarzenfels 1707 Andreas Jon und in Sterbfritz erst 1888 Dr. August Koch. 1)

 

Bader oder Scherer allerdings werden schon früher genannt: 1357 in Sterbfritz. Viele von ihnen hatten als Feldscher in den Kriegszügen gedient und ließen sich dann in den Städten aber auch in einigen Dörfern im Gebiet des ehemaligen Kreises Schlüchtern nieder. Sie waren nicht nur für Haarschneiden und Bartputzen, sondern auch für die Gesundheit der Bürger zuständig. Wundbehandlung und Zahnbrechen gehörte ebenso zu ihrem Amt wie Schröpfen und Aderlassen. Sogar kleine Operationen wie Steinschneiden und Stechen des grauen Stars wurden von ihnen gewagt. 2)

 

Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts versorgte ein einziger Hausarzt, Dr. Spangenberg, die Stadt Schlüchtern und das Umland. Im Osten des Kreises besaß zu Anfang des 19. Jahrhunderts Dr. Brehm in Schwarzenfels einen weit bekannten Ruf; seine Nachfolger Dr. Koch und Dr. Hebel verlegten aus wirtschaftlichen Gründen ihre Praxen nach dem zentraleren Sterbfritz.

 

Über Dr. Brehm hier eine Anekdote von F. Walther in Gundhelmer Mundart:

 

Vom alten Doktor Brehm

 

Doa woar der aal Durn, der woar so oarg dempsch. Bann e de Büel nauf gong, huet men em Durf schleabäuch (schnaufen). Etz racht der aal Mann aach noch so'n kurze Stinkklowe; do devon wuesch doch aach niet groad besser. Letzt wuesch so oarg, dass e sich noch Schwoazefels moacht. Heän nohm aach sein aale Klowe mit in'm Dokder Brehm sei Stuwe. Etz, bie e sein Not gekloagt hat, säät der Dokder: "Sagt emal, Durn, wann habt Ihr dann zum letztemal Euer Peife ausgeputzt? Die brutzelt ja urdentlich! Gebt mer emal de Klowe." Noacht gong e naus en die Köche on schnied sich e Reis aus'm Bese on säät: "Jetzt wolle mer mal erst die Peife sauber mach!" Noacht fuhrwerkt e mir'm Besereis em Ruhr on em Suddersack on em Peufekoop eröm on schafft'r'n Unroat eraus, dass sich der aal Durn sälwer en Dod verwonnert. Nocht säär e: "So, etz geht heim on halt Euer Peife sauber. Eingenahm braucht Ihr nichts. Geht emal schön langsam, und wenn Ihr drüwe auf der Sterbfritzer Höh' seid, wird's Euch schon besser sein!" On bie der aal Durn en die Westedösche greff on frägt: "Herr Dokder, boas sein ich schölk?", säär e: "Durn, ich hab Euch ja nix verschriewe; der gute Rat und das Peifeausputzen geht dasmal für umesunst!" - Sinter dere Zeit is More bei ons en Gundhelm, bann änner schleabäucht, doa hääßt's als: "No, mir män, dein Peufe hät kän Luft meh! Loaß desche emoal en Schwoazefels ausbutz!" 3)

 

Damals gab es auch kein Krankenhaus. Erst 1896 wurde in der Bahnhofstraße das erste Schlüchterner Krankenhaus unter Leitung von Sanitätsrat Dr. Stern in Betrieb genommen.

 

Jeder kann sich ausmalen, dass bei dieser medizinischen Betreuung in Verbindung mit mangelnder Hygiene und wirtschaftlicher Not besonders bei Seuchen und Epidemien die Gefahr ihrer Ausbreitung sehr groß war und vor allem viele Kinder hinweggerafft wurden, Die Behörden versuchten zwar Gegenmaßnahmen zu treffen, doch ohne Krankenhaus mit Isolierstation standen sie vor fast unlösbaren Aufgaben. Der Amtsarzt versuchte lediglich, die "verseuchten" Häuser vor der Öffentlichkeit abzuschirmen. 4)

 

Eine Meldung aus Sterbfritz im Diphterie-Jahr 1888 verrät: "Schon seit zwei Monaten grassiert hier die Diphtherie in schrecklicher Weise. An 40 Kinder sind dieser schrecklichen Krankheit zum Opfer gefallen. Manche Familien werden besonders hart betroffen. So starben am 10. des Monats dem Herrn Apotheker Körner von seinen drei Kindern am selben Tage innerhalb von zwei Stunden das älteste Kind von neun und das jüngste von zweieinhalb Jahren. Herr Körner hat erst vor kurzem die Apotheke von Schwarzenfels nach Sterbfritz verlegt."

Eine nachfolgende Berichtigung mildert zwar das Unheil ein wenig, die Zahlen bleiben aber trotzdem erschreckend:

"Die Notiz in der vorigen Nummer der "Schlüchterner Zeitung" bedarf der Berichtigung. Nicht erst seit "zwei", sondern seit fast "zehn" Monaten grassiert hier die Diphtherie, und nicht 40, sondern höchstens 28-30 Kinder sind dieser Epidemie und ihren Folgen erlegen. Diese Krankheit würde überhaupt hier nicht diese große Ausdehnung erlangt haben, wenn man sich seitens der Bevölkerung hätte entschließen können, alle Räume, in welchen Diphteriekranke gelegen haben, gründlich zu desinfizieren. Aber die meisten Leute glauben nicht an die Ansteckungsfähigkeit der Diphtherie und so ist alle Aussicht vorhanden, dass diese Krankheit sich noch auf lange Zeit hier halten wird." 5)

 

Über die ärztliche Versorgung vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart, sowie dem Apothekenwesen und weiteren Heilberufen berichten wir auf den folgenden Seiten.

 

 

Literatur und Quellen:

 

Texte und Anmerkungen von Jochen Melk im Oktober 2018.

  1. Bergwinkel Erinnerungen - Über Volksglaube, Heile Natur und Kriegswirren von Alfred Kühnert 1995, S. 164
  2. Im Land der armen Hansen, Bergwinkel Studien von Alfred Kühnert, Verlag H. Steinfeld Söhne, 1975, S. 175-180
  3. Bergwinkel-Geschichten von Wilhelm Praesent 1954, S. 82
  4. Wie 1) S. 174
  5. Wie 1) S. 152
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