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Sterbfritzer Dorfchronik
Sterbfritzer Dorfchronik

Vom Tiegel und vom Mordstein

Zwei gar schauerliche Moritaten

von Dirk Ebenhöch

 

Tiegel und Mordstein, ca. 1977 1)

 

Auf dem Breiten First, nahe der Weinstraße, steht ein Steinkreuz - beide Arme sind nicht mehr vorhanden - mit einem Sockelstein, den der Volksmund Tiegel getauft hat. Da die Bedeutung der Gedenkstelle mit der Zeit verloren ging, rankten sich Mythen und Geschichten um die Steinkonstellation. Zwei davon erzählen wir hier nachfolgend.

 

Der Morstein

Aufgezeichnet in Sterbfritz vom Lehrer B. Cronberger 1883

 

Auf dem südwestlichen Teile der Breiten First, da wo „die Fichte“ ihren weithin sichtbaren Gipfel erhebt, lag vor alten Zeiten das Dorf mit Namen Rommersbrunn. Dort stand eine Mühle, deren Rad von dem klaren Quell des Breitborn getrieben wurde. Der Müller hatte die Bauern um manches Körnlein betrogen und war so ein reicher Mann geworden. Allein unrecht Gut gedeiht nicht gut. Zwar blieb im Dreißigjährigen Krieg, als die Schweden unsere Gegend gar arg heimsuchten und das Dorf verbrannten, die Mühle unversehrt. Doch damals brach eines Nachts eine Räuberbande in sein Anwesen und plünderte es aus und steckte es in Brand. Im Feuerschein der brennenden Mühle wurde der Müller erschlagen. Noch heute zeigt man einen Stein, unter dem die Gebeine des Müllers liegen sollen. Dieser Stein führt heute noch den Namen Mordstein. Von der Mühle ist keine Spur mehr vorhanden. Doch das Flurstück heißt bis heute die „Mühlwiese“

 

Der Tiegel

Eine andere Sage zeichnete der Bibliothekssekretär W. Jacobi 1911 von diesem Bodendenkmal auf, es ist wohl die bekanntere Form.

 

 

Auf den waldigen Höhen zwischen Weichersbach und Gundhelm, wo die Weinstraße an dem jetzt verschwundenen Dorf Rommersbrunn vorbeiführte, lag an einem Bächlein einst eine Mühle. Darin wohnte eine geizige und jähzornige Müllerin. Als sie eines Abends am Herdfeuer stand und in einem großen eisernen Tiegel ein Essen zubereitete, trat ein müder Wanderer zu ihr herein und bat um ein paar Bissen, seinen Hunger zu stillen. Die Müllerin aber wies ihn ab. Als er seine bescheidene Bitte wiederholte, geriet sie dermaßen in Zorn, dass sie ihn mit dem Tiegel erschlug. Alsbald versank die Mühle, und das geizige Weib wurde in Stein verwandelt, der wie der Tiegel aussieht.

Der Forstort Tiegel im Distrikt 149 hat seinen Namen von jenem Stein erhalten.

 

Geschichtlicher Hintergrund

von Jochen Melk 2)

 

Aufnahme 2004 3)

 

Bei dem "Mordstein" und dem "Tiegel" handelt es sich um zwei Teile eines Sühnekreuzes aus Sandstein.

 

Sühnekreuze sind Denkmale mittelalterlichen Rechts. Sie waren ein Erfüllungsteil von Sühneverträgen, welche zwischen zwei verfeindeten Parteien geschlossen wurden, um eine Blutfehde wegen eines begangenen Mordes oder Totschlages zu beenden. Der überwiegende Teil der Sühnekreuze ist in Kreuzform gestaltet, oftmals ist die Mordwaffe bzw. ein berufstypisches Gerät des Entleibten in den Stein gehauen. In den seltensten Fällen finden sich eingeschlagene Jahreszahlen. Text findet sich auf keinem echten Sühnekreuz aus dem 13.-16. Jahrhundert. Der einfache Bauer hätte es ohnehin nicht lesen können, weshalb Bilddarstellungen dominierten. Mit der Einführung der Halsgerichtsordnung Kaiser Karls V. im Jahre 1533 wurden private Abmachungen nicht mehr geduldet, an ihre Stelle trat das ordentliche Gericht, das den Täter nach dem neuen Recht verurteilte. Mit der Einführung dieses neuen Rechtes wurden die Sühneverträge zwar offiziell abgeschafft, lebten jedoch je nach Landessitte noch durch das ganze 16. Jahrhundert fort; erst das 17. Jahrhundert räumte mit ihnen endgültig auf.

 

Das Sühnekreuz hat seinen Standort an der "Weinstraße" zwischen Weichersbach und Gundhelm im Forstort "Tiegel" Nr. 149 bei der Wüstung Rommersbrunn.

 

Das armlose Steinkreuz und der zugehörige Sockelstein standen, so lange sich die einheimische Bevölkerung erinnern kann, immer getrennt. Vor einigen Jahren hat man die beiden Teile - Steinkreuzsockel und Steinkreuz selber - wieder zusammen-gefügt, sicher in bester Absicht! Die deutende Phantasie des Volkes benannte die zwei zusammengehörigen Stücke nach ihren auffälligsten Merkmalen und entwickelte zwei verschiedene Erzählungen daraus: die Sage vom "Mordstein" und die vom "Tiegel". Auf den gegenüberliegenden Seiten zeigt das Steinkreuz je ein eingeritztes Beil (heute ohne Stiel, da die Kreuzarme fehlen). Der "Tiegel" aber war und ist nun wieder der Stand- und Sockelstein des Kreuzes, in den es zur Erhöhung der Standfestigkeit eingelassen wurde. Man kann den für die Wieder-Zusammensetzung verantwortlichen Personen die gute Absicht sicher nicht absprechen; aber man hat beim Streben nach Wiederherstellung des ursprünglichen Zustandes leider übersehen, daß sich jede Überlieferung auf den Zustand NACH der Trennung beider Teile bezog; dieser Zustand der getrennten Aufstellung muß also ebenfalls sehr alt gewesen sein. Insofern kann man das Restaurierungsergebnis begrüßen oder bedauern, je nach Standpunkt.

 

Das eingeritzte Beil auf dem Steinkreuz läßt mehrere Deutungen zu. Es könnte die Mordwaffe einer hier stattgefundenen Bluttat gewesen sein oder der Hinweis auf den Beruf des Mordopfers. Auch der Beleg für eine Gerichtsstätte an diesem Ort wäre möglich, da das Beil auch Werkzeug der mittelalterlichen Rechtsvollstreckung war.

 

Quellen und Literatur:

  1. Riebeling, Heinrich - Steinkreuze und Kreuzsteine in Hessen, 1977, Nr. 5623.2
  2. www.suehnekreuz.de
  3. recherchiert und bebildert von Thorsten Pirkl, Petersberg (Foto von 2004)

 

erstellt März 2021

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