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Sterbfritzer Dorfchronik
Sterbfritzer Dorfchronik

Die Familie Marx

Von Dirk Ebenhöch

 

Bei meiner Suche nach der Schuster-Familie stieß ich auf Linda Shefler in den USA. Sie forscht schon seit über 30 Jahren an ihrer Familie und anderen jüdischen Familien aus Sterbfritz. In Puncto Schuster konnte sie mir nicht recht weiterhelfen, hat mir aber sehr viele Daten und ein paar Fotos aus ihrer – der Familie Marx – zusenden können. Damit konnte ich diesen Familienstamm schnell bearbeiten. Sie freute sich sehr darüber, dass ich ihr auch ein paar ihr noch unbekannte Daten geben konnte.

 

An dieser Stelle möchte ich mich bei Linda Shefler recht herzlich bedanken für die schnelle und unkomplizierte Hilfe für einen Deutschen, Fremden, der in einem holprigem Englisch Kontakt zu ihr aufgenommen hatte.

 

Joseph Meier Marx

Das Wohnhaus heute (2019)

Joseph Meier Marx wurde ca. 1788 in Züntersbach geboren. Durch seine Heirat im Jahre 1803 mit Hanche (Henelche) Henriette Diefenbach kam dieser Familienname nach Sterbfritz. Joseph Meier soll Grünhändler (Gemüsehändler) gewesen sein. Sie erwarben das Haus Nr. 122, heute Kinzigstr. 10. In Steuerunterlagen von 1847 werden Sie als Eigentümer dieses Anwesens genannt.

 

 

Fünf Kinder kamen in der Ehe zu Welt.

  • 11.01.1834 Aron
  • 25.01.1836 Schanette (Jannie)
  • 22.02.1838 Mine
  • 23.01.1839 Jüdel (Jehuda, Juda)
  • 11.05.1841 Caroline

Seine Frau verstarb am 23.09.1858 und er am 12.02.1861 hier in Sterbfritz.

 

Aron Marx

Der Sohn Aron wanderte mit nur 19 Jahren am 07.09.1853 von Bremen mit dem Segelschiff SS Elisabeth in die USA aus, um sich dort eine neue Existenz aufzubauen. So heiratete der junge Buchbinder Aron die ebenfalls aus Deutschland stammende Brunel (Bertha) Lamm aus Ober-Gleen am 06.05.1856 in Cincinnati, Madison, Ohio. Bertha war ebenfalls 1853 als 21-jährige junge Frau ausgewandert. Arons Einbürgerung erfolgte am 18.02.1859. Sieben Kinder kamen zu Welt, sechs Söhne und eine Tochter, deren Nachfahren heute noch in den USA leben.

Vom 16.11.1862 bis 25.07.1863 war er als Sergeant der Infanterie im Bürgerkrieg und arbeitete danach in Cleveland als Altwarenhändler. Er wurde am 14.09.1870 der erste jüdische Polizist und ging am 15.01.1897 in den Ruhestand. Das Paar wohnte 1870 in Cleveland, Ward 4, Cayahaja, Ohio und zog 1900 nach Clevelend Ward 15, Beech Street 62 um.

Aron verstarb am 18.04.1901 in Clevelend, Cayahoga, Ohio

 

Die Tochter Schanette erlernte wie ihr Bruder Aron das Handwerk des Buchbinders, was für die damalige Zeit sehr ungewöhnlich war, und wanderte zwei Jahre nach ihrem Bruder Aron ebenfalls in die USA aus. Sie heiratete Moris Blum, der aus Holland stammte, am 17.07.1864 in Hamilton Country OH. Zwei Kinder kamen in der Ehe zur Welt. Sie verstarb am 22.01.1920 in Manhattan, New York.

 

Die Tochter Mine verstarb schon im Säuglingsalter am 04.04.1838.

 

Die Tochter Caroline heiratete am 27.02.1865 in Sterbfritz den aus Schlüchtern stammenden Handelsmann Mosche (Markus) Seelig, geb. am 05.03.1830 in Schlüchtern. Zusammen hatten sie fünf Kinder. Eines starb als Kleinkind, und zwei überlebten den Holocaust nicht. Sie wohnten in der Sackgasse 5 in Schlüchtern. Carolines Mann verstarb am 26.06.1898 und sie am 24.07.1922 in Schlüchtern.

 

Juda Marx

Aufnahme ca. 1957

 

 

Der Sohn Jüdel (Juda) übernahm das Elternhaus und heiratete am 06.06.1864 in Sterbfritz in erster Ehe Hannchen (Jeanette) Tannenbaum, geb. am 06.03.1839 in Harmuthsachsen. Bei der Geburt der Tochter, ebenfalls Hannchen, am 21.10 1869 wurde sie so geschwächt, dass sie am 27.10.1869 an den Folgen der schweren Geburt im Kindsbett verstarb. Nach knapp einem Jahr freite er die 1840 in Oberzell geborene Schönche (Jeanette) Hecht und heiratete sie am 02.05.1870 in Oberzell. 

 

 

 

Bis 1876 wohnten sie im Haus 122 der Kinzigstraße 10. Um sein Geschäft auszubauen, er handelte mit Baumaterialien, kaufte er das Haus 76, heute Breuningser Str. 4, das näher in der Mitte des Oberdorfes an der Dorfstraße nach Breunings lag; auch richtete er einen Laden für Glas- und Porzellanwaren im Haus ein.

Juda Marx

 

 

Mit seiner zweiten Frau bekam er weitere acht Kinder:

  • Minna: 10.09.1872
  • Lina: 15.12.1873
  • Joseph: 26.07.1875
  • Malchen: 15.12.1876 (Amalia)
  • Betti: 26.04.1878 (Bettchen)
  • Samuel: 20.08.1879
  • Aron: 19.11.1881
  • Markus: 02.09.1883

Schönche verstarb am 28.06.1901 und Juda am 20.02.1927.

 

Hannchen: Heiratet den Schuhmacher Salomon Schuster, geb. 01.04. in Romsthal, am 20.05.1890 in Sterbfritz. Sie wohnten bis um 1900 in Romsthal und zogen nach Ulmbach. Von den neun Kindern sind fünf in Ulmbach geboren; sechs von ihnen sind schon im Kindesalter verstorben. Der Sohn Juda heiratete die aus Sterbfritz stammende Regina (Recha) Strauss. Sie emigrierten nach Argentinien. Tochter Rosa, verheiratete Heist, kam am 23.07.1943 in Auschwitz ums Leben. Hannchen und ihr Mann sind am 15.09.1942 ins Ghetto Theresienstadt deportiert worden, wo Salomon am 09.10.1942 ums Leben kam und Hannchen knapp zwei Jahre später, am 14.02.1944, an den unmenschlichen Bedingungen, die dort herrschten, verstarb.

 

Minna: Heiratete am 26.08.1897 in Sterbfritz den Handelsmann Levi Grünebaum, geb. am 17.06.1872 in Rohrbach bei Büdingen. Minna zog zu ihrem Mann nach Rohrbach. Sie bekamen zwei Söhne und eine Tochter. Live Grünebaum stand 1924, neben J. Oppenheimer und S. Grünebaum, der dortigen jüdischen Gemeinde vor. Aufgrund der Diskriminierungen auf dem Lande zogen, sie wie so viele ihrer Landsleute, nach Frankfurt in die Stadt, um dort in der Anonymität besser leben zu können. Sie wohnten jetzt in der Rechneigrabenstraße 18/20. Minna litt an Diabetes und erlitt einen Hirnschlag, an dem sie am 16.11.1940 im jüdischen Krankenhaus starb. Ihr Ehemann wurde nach Theresienstadt deportiert, wo er am 07.04.1943 starb. Auch die Tochter Sofie überlebte den Holocaust nicht, sie ist 1942 in Stutthof umgekommen.

 

Lina: Heiratete am 19.05.1899 in Sterbfritz den Metzger Hermann Reichelheimer, geb.17.03.1870 in Reichelsheim. Acht Kinder kamen zur Welt. Hermann hat mit seinen Bruder Herz die elterliche Metzgerei Bismarckstraße 17, in der sie auch wohnten nach, deren Tod übernommen.

Hermann verstarb 1917 in Galizien, im Ersten Weltkrieg, wie es in einer Anzeige des Evangelischen Heimatboten von Reichelsheim bekannt gegeben wurde.

 

 

 

Lina Wanderte mit ihrem Sohn Karl 1938 nach New York aus und starb dort am 22.06.1951.

 

Joseph: Auch er war Kaufmann und heiratete am 15.06.1899 in Schlüchtern Hulda Goldschmidt, geb. 16.04.1875 in Schlüchtern. Die Tochter Josephine wurde am 14.04.1902 geboren. Sie heiratete Georg Salomon aus Breslau. Die gesamte Familie, Josephine, Georg und Tochter Helga, wurden am 15.05.1944 in Ausschwitz ermordet. Ihr Vater verstarb schon vor ihrer Geburt am 08.10.1901 in Sterbfritz.

 

Malchen

Malchen: Heiratete am 23.06.1901 in Sterbfritz den Kaufmann Nathan Zimmermann, geb. am 24.09.1873 in Ober Seemen. Acht Mädchen und zwei Buben kamen zur Welt. Nathan war um 1924 Vorsteher der jüdischen Gemeinde, und 1932 war er erster Vorsitzender des Männer-Cherwar-Vereins für Wohltätigkeit und Bestattungswesen. Auch engagierte er sich im Verein der Ortsgruppe Agudas Israel als zweiter Vorsitzender. Sie konnten 1934 in die USA emigrieren. Malchen verstarb am 03.02.1951 und Nathan am 24.11.1956 in New York.

 

Kinder von Nathan und Malchen Zimmermann

 

 

Betti: Heiratete in Sterbfritz am 25.10.1903 den Handelsmann Joseph Lilien aus Seligenstadt, geb. am 20.06.1874 in Seligenstadt. Joseph war Viehhändler und Metzger, wie aus anderen Dokumenten hervorgeht. Sechs Kinder kamen zur Welt, wobei eines als Kleinkind starb. Betti verstarb am 20.09.1926 im Seligenstädter Krankenhaus. Ihr Mann konnte emigrieren und verstarb am 31.08.1948 in New York.

 

Samuel: Verstarb als sechsjähriger Junge am 25.08.1885.

 

Aron: Heiratete am 29.03.1908 in Rimbach die von dort stammende Betti Weichsel. Nach dem Tod seines Bruders führte er mit seinem Vater das Geschäft weiter. Er kämpfte im Ersten Weltkrieg für sein Vaterland und war schwer kriegsgeschädigt. Er gab den Handel mit Baumaterialien auf und vertrieb Textilwaren und Öfen. 1934 nahm der Antisemitismus dermaßen zu, dass in den beiden Nächten vom 27. Februar bis 1. März die Fensterscheiben eingeworfen wurden. Aron soll vermutlich unmittelbar nach der Reichspogromnacht verhaftet worden und für einige Wochen im KZ Buchenwald in so genannter Schutzhaft gewesen sein. Nachdem auch für ihr Geschäft das Aus kam und die Anfeindungen hier im Dorf zunahmen, verzog er 1939 mit seiner Frau nach Frankfurt. Der letzte gemeldete Wohnsitz war die Gaußstraße 30. Von dort sind sie nach Theresienstadt deportiert worden, wo seine Frau Betti am 11.12.1942 und er am 12.11.1943 verstarben.

 

Markus: war ebenfalls Kaufmann und zog schon früh nach Frankfurt. Bei seiner Heirat mit Rieda Strauss, gebürtig aus Wachenbuchen (07.08.1898), wohnte er in der Ranfstraße 4. Mit nur 31 Jahren, am 19.12.1929, starb seine Frau Rieda im Israelischen Krankenhaus. Als Wohnort wurde die Geigerstraße 24 angegeben. Markus wurde aus Frankfurt in den Osten deportiert, er gilt als verschollen, wahrscheinlich in Stutthof.

 

Ebenfalls haben drei Nichten von Joseph Meier Marx' Bruder, Mordesche Aron Marx aus Züntersbach, nach Sterbfritz geheiratet. Keile (Caroline) Marx heiratete Meier Hecht, Gita (Karolina) Marx heiratete Benedikt Strauss, Röschen (Rosa) Marx heiratete Maier Mendel Goldschmidt.

 

Quellen

  • Alemannia-Judaica.de (Stand 09/2019)
  • Standesamtsregister
  • Stolperstein-Broschüre Reichelsheim "Gegen das Vergessen"
  • Unterlagen von Linda Shefler USA
  • Unsere Heimat, Mitteilungen des Heimat u. Geschichtsverein Schlüchtern,
    Band 14.
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