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Sterbfritzer Dorfchronik
Sterbfritzer Dorfchronik

Nie wieder Krieg!

 

Erinnerungen an die letzten Kriegsjahre
von Elfriede Sauer, geb. Strott,
aufgewachsen in Sterbfritz, Kinzigstraße,
später dann Lagerplatz.
Eltern: Heinrich und Margarete Strott

Jahrgänge 1935, 1936 und 1937

Die letzten zwei Kriegsjahre werden für mich sowie auch für meine Familie immer in schrecklicher Erinnerung bleiben.

 

Es ist in dieser Zeit so viel furchtbares passiert, so dass man immer wieder sagen muss „wehret den Anfängen“ und „wie konnte dies alles passieren?“


Als man begann die Nahrungsmittel zu rationalisieren und jeder eine Lebensmittelkarte bekam, wodurch bestimmt wurde wie viel Gramm Brot, Butter, Zucker, Mehl, Fleisch und Wurst man pro Tag oder Woche verbrauchen durfte, merkten wir selbst auf dem Land, dass sehr schlechte Zeiten auf uns zukamen.


Damals wurde auch Frankfurt von den alliierten Flugzeugen stark zerbombt. So musste auch die Uhland-Schule am 7. Februar 1944 evakuiert werden, da  sie schwer beschädigt wurde.

Es kamen damals drei Lehrer mit ihren Klassen, bzw. Schülern zu uns nach Sterbfritz und Oberzell.
Die Schüler wurden bei verschiedenen Familien untergebracht, und gingen mit uns zur Schule. Sie waren damals erst 8 – 9 Jahre alt. Auch die Lehrer versahen hier ihren Schuldienst.


Eine Lehrerin davon wurde meine Klassenlehrerin, später war sie die Schulrätin in Schlüchtern, Frau Magdalene Weller. Sie hat uns sehr geprägt, in dem sie uns immer wieder vor Augen hielt, welches Elend und welche Not durch diesen unnützen Krieg über unser Volk kam. Sie stammte aus einem christlichen Elternhaus, ihr Vater war Pfarrer. Auch in dieser Zeit stand sie fest zu ihrem christlichen Glauben. Ich erinnere mich an eine Religionsstunde mit ihr, die Anfang 1945 stattfand. Man hörte weit in der Ferne schon den Kriegslärm mit Bomben und Kanonendonner. In einem Gebet endete die Religionsstunde, mit der Bitte, dass wir vor Leid bewahrt würden, mit dem Satz „unseren Führer schließen wir in das Gebet mit ein“. 

 

Als Frankfurt bombardiert wurde kamen viele tausend Menschen ums Leben. Viele meiner Schulkameraden aus Frankfurt bangten Tag für Tag um ihre Familienange-hörige die noch in Frankfurt lebten. Es gab nicht mehr genug Männer die das Nötigste wegräumen konnten. Es lagen so viele Tote unter den Trümmern. So mussten einige Bahnbedienstete, darunter auch mein Vater, nach Frankfurt, um Opfer zu bergen und das Notwendigste frei zu räumen. Teilweise wurden auch Phosphorbomben abgeworfen, so dass viele Menschen dadurch verbrannten. Auch mein Vater war in der Nähe des Ortes wo diese Bomben abgeworfen wurden. Beinahe wäre er auch zum Opfer geworden, er hatte Glück und wurde nur leicht verletzt. Als er damals heim kam war er ganz entstellt. Die Haare waren durch das Phosphor abgesengt. Sein Anzug, sowie  seine Tasche waren angekohlt. Wir waren froh, dass er zu Hause war und in den schlimmen Kriegstagen nicht wieder nach Frankfurt musste.


Im Winter 1944 kam es zu einem Luftkampf zwischen einem deutschen und einem englischen Flugzeug. Über Sterbfritz und Umgebung haben sie sich beschossen. So flogen dabei Flugzeugteile auf Dächer und auf´s Feld. Nach einigen Minuten konnte man hören, das sie abstürzten, es gab nur noch einen dumpfen Knall, dann war alles ruhig. Einige Männer im Ort mussten ausrücken um 1.Hilfe zu leisten. Es war Winter, sehr kalt und hatte noch viel Schnee. Die Absturzstelle war auch weit vom Ort entfernt. Die Helfer mussten lange suchen, bis sie etwas fanden. Ein Pilot steckte im Schnee, konnte aber nochmal kurz einen Schuss abgeben. Als man ihn fand war er bereits tot. Das deutsche Flugzeug fand man später ein ganzes Stück entfernt, auch der Bordfunker war tot. Der 1. Pilot konnte mit einem Fallschirm abspringen und überlebte. 
Über die englischen Piloten wurde wenig gesprochen, auch das Flugzeug war zerschellt. Wir hatten die nächsten Tage keine Schule, da man die beiden toten Soldaten in der Schule aufgebahrt hatte. Wir Schüler konnten durch die Tür in den Vorraum sehen wo die beiden Opfer aufgebahrt waren. An der Rückwand hing eine große rote Fahne mit Hakenkreuz und davor standen die Särge. 
Beide Piloten wurden in Sterbfritz mit militärischen Ehren (Schüsse über dem Grab und Kranzniederlegung von Soldaten) beigesetzt.
Später wurden sie dann auf den Soldatenfriedhof nach Schlüchtern überführt. Den Namen der Opfer hab ich mir all die Jahre gemerkt: Anton Fries und Julius Mornhart, zwei sehr junge Männer Anfang 20. Wir Kinder gingen immer mal zu den Gräbern um Blumen hinzubringen. 


Im Sommer 1944 wurde ein Rotkreuzzug von feindlichen Tieffliegern angegriffen und beschossen. Der Zug stand am Bahnhof Sterbfritz in Richtung Vollmerz. Als die Sirene ging, sah man einige Rotkreuzhelfer zu dieser Bahnstrecke eilen. Als es ruhiger wurde und die feindlichen Tiefflieger weg waren, nahm ich meine kleinen Geschwister an der Hand und ging dort an die Bahnstrecke, um zu sehen was los war. Was man da sah war grauenvoll. 
Da stand ein Lazarettzug, in den vorderen beiden Wagen waren Pferde und in den anderen lagen verwundete Soldaten. Die Soldaten wurden von den Helfern herausgeholt und auf der nahen Wiese behandelt und neu verbunden. 
Die Pferde waren teilweise schlimm getroffen. Die meisten wurden dann auf der anderen Bahnseite am Lagerplatz notgeschlachtet. Es dauerte nur einige Minuten da kamen die Tiefflieger wieder und beschossen den Zug wieder mit Bordwaffen. Sie flogen immer wieder ganz tief über den Zug hinweg. 
Ich sprang mit meinen Geschwistern so schnell ich konnte in die Unterführung und wir legten uns dann ganz flach in einen Graben bis die Flugzeuge wieder weg waren.


Auch dieses furchtbare Erlebnis kann ich nicht vergessen: Einer meiner Cousins musste damals mit 22 Jahren als Soldat in den Kaukasus. Er war der jüngste Sohn meiner Tante. Die beiden Älteren waren bereits an der Front gefallen. Nach einiger Zeit bekam er Malaria, die er sich in den Sumpfgebieten zugezogen hatte. Er war sehr krank und wurde deshalb nach Deutschland verlegt. Er kam ins Lazarett nach Bad Nauheim. Es konnte ihm aber dort nicht mehr geholfen werden, er verstarb im Lazarett. Der Sarg mit dem Leichnam wurde damals, auf Wunsch der Eltern, mit der Bahn nach Sterbfritz überführt. Mein Vater brachte ihn dann mit dem Pferdefuhrwerk zum Hans seiner Eltern in sein Heimatort. Dort wurde er mit militärischen Ehren beigesetzt.
Es ist sehr traurig und vielleicht für manchen nicht nachvollziehbar, wenn Eltern ihre 3 Söhne im Krieg verlieren und nun am Grabe ihres Jüngsten 23-jährigen stehen. 


Die letzten Kriegstage waren auch für uns schrecklich. Die Amerikaner kamen über den Mottgerser Berg nach Sterbfritz. Wir mussten alle in den Luftschutzkeller, weil aus allen Ecken geschossen wurde. Viele deutschen Soldaten versteckten sich teilweise in den umliegenden Wäldern oder Häusern wo sie einen Unterschlupf fanden. Man konnte sehen wie einige gehetzt durch die Straße liefen. Vereinzelt konnte man die Schüsse hören. So wurde auch in Häuser und Keller geschossen.
Meine Mutter hatte damals ein Betttuch am Fenster hängen lassen, vielleicht hatten wir deshalb Glück und wurden verschont.


Nach einiger Zeit Frieden im Lande wurden die oberen Klassen unserer Schule von einigen Amerikanern, die hier stationiert waren, mit Lastautos nach Frankfurt gefahren. Sie fuhren mit uns durch die zertrümmerte Stadt. Gerade mal die Straßen waren nur vereinzelt frei geschaufelt, so dass man gerade so durchfahren konnte. Rechts und links lagen Trümmerberge der zerbombten Häuser. Ganze Straßenzüge bestanden nur noch aus Trümmern. Man konnte sehen wie die Leute dort auf den Trümmern den Schutt sortierten und aufräumten. Meistens waren da Frauen zu sehen bei dieser schweren Arbeit, da viele Männer noch in Gefangenschaft waren, oder im Krieg umkamen.

 

Damals hieß es immer wieder „Nie  wieder Krieg!“  

Dies alles wurde leider viel zu schnell vergessen.

 

Ich erinnere mich an die Lieferung der neuen Glocken für unsere Kirche in Sterbfritz 1962:
 

Diese Bilder wurden mir von meiner Schwester aus Hünfeld überlassen.

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