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Sterbfritzer Dorfchronik
Sterbfritzer Dorfchronik

Max Dessauer

Zur Erinnerung an Max Dessauer veröffentlichen wir nachfolgend eine Zeitungsartikel von Thomas Müller aus dem Jahre 1993 1), der auch zum 125. Geburtstag von Dessauer nichts an Aktualität eingebüßt hat.

 

Zum 100. Geburtstag von Max Dessauer

Sinntal-Sterbfritz (tm). Am 23. Oktober dieses Jahres jährte sich zum 100. Male der Geburtstag von Max Dessauer, einem Sterbfritzer jüdischen Glaubens, der über die grenzen seiner Gemeinde und seiner Region hinaus eine gewisse Bekanntheit erlangt hat. Dessauer verlor die meisten seiner Verwandten in den nationalsozialistischen Vernichtungslagern. Ihm selbst gelang es, nach Lageraufenthalten in Frankreich unterzutauchen, hier sogar Flüchtlinge aus Deutschland zu betreuen und sie über den Krieg zu retten. Für seinen aufopfernden Einsatz für andere erhielt er 1961 das Bundesverdienstkreuz.

 

Max Dessauer

In jenen Jahren setzte er in einem kleinen Büchlein über sein über alles geliebtes Heimatdorf Sterbfritz dem harmonischen Zusammenleben kleiner Leute christlichen und jüdischen Glaubens ein schönes Denkmal. Seine Mitbürger beschlossen seinerzeit, dem „großen Sohn“ ihres Dorfes die Ehrenbürgerschaft zu verleihen. Aber an dem Tag, als sich der Sterbfritzer Bürgermeister Konrad Roth auf den Weg nach Frankfurt am Main machte, um die Urkunde in einem würdigen Rahmen zu überreichen, verstarb Max Dessauer. Es war der 23. Oktober 1962, sein 69. Geburtstag.

 

Der junge Anglistikstudent Thomas Müller aus Sinntal-Sterbfritz erfuhr von seinem Großvater eher durch Zufall von Max Dessauers Leben und Wirken. Die Lebensgeschichte Max Dessauers und das Schicksal seiner Familie, das so viele typische Entwicklungen des deutschen Judentums in der Zeit des Nationalsozialismus aufwies, ließen den jungen Sterbfritzer nicht mehr los. Er machte sich auf die „Spurensuche“.

 

„Zeitzeugen“ befragt

Zunächst sprach er in seinem Heimatdorf Sterbfritz „Zeitzeugen“ an, ältere Bürgerinnen und Bürger, die noch Erinnerungen an Max Dessauer und seine Familie hatten, dann recherchierte er mit kriminalistischem Eifer in Staatsarchiven, bei Behörden und Museen, und er durchforstete Lebenserinnerungen von renommierten Literaten und Zeitgeschichtlern, die Weggefährten Dessauers waren; vor allem in der Internierung und im Untergrund in Frankreich; zu ihnen zählten unter anderem Arthur Koestler und Gustav Regler. Thomas Müller hat die Absicht, das Beispielhafte im Leben, Wirken und Leiden Max Dessauers in einem größeren wissenschaftlichen Beitrag darzustellen und zu würdigen 2).

 

Ein deutsch-jüdisches Schicksal aus dem Bergwinkel

Viele Gemeinden können auf bemerkenswerte Persönlichkeiten verweisen, deren Lebensweg einmal in ihren Mauern begann. Manchmal werden diese Menschen noch zu ihren Lebzeiten geehrt, doch oft kann man ihrer nur noch nach ihrem Tode gedenken. Auch im Bergwinkel besteht derzeit Anlass, sich einer solchen Persönlichkeit zu erinnern: Vor 100 Jahren, am 23. Oktober 1893, wurde in Sterbfritz Max Dessauer geboren, der in unserer Region durch sein Buch „Aus unbeschwerter Zeit“ bekannt geworden ist. Darin erzählt er in warmherziger und humorvoller Art Episoden aus seiner Sterbfritzer Jugendzeit. Sein Buch ist aber auch ein eindrucksvolles Dokument, das aus der Sicht eines jüdischen Zeitzeugen das Zusammenleben von Juden und Christen in einer dörflichen Gemeinschaft am Anfang dieses Jahrhunderts beschreibt – bevor diese deutsch-jüdische Lebensgemeinschaft in den Jahren zwischen 1933 und 1945 zerstört wurde.

 

Das Elternhaus von Max Dessauer. Sein Vater betrieb einen Spirituosen- und Weinhandel.

 

 

Max Dessauer überlebte die Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. 1936 war er nach Frankreich ausgewandert. Nach der Teilnahme am 1. Weltkrieg – dreiundzwanzigjährig war er bei Verdun so schwer verwundet worden, dass sein rechter Unterarm amputiert werden musste – war es ihm gelungen, sich in der wirtschaftlich schwierigen Zeit der zwanziger Jahre eine Existenz als Kaufmann aufzubauen. Die Flucht vor den nationalsozialistischen Machthabern zwang ihn, Hab und Gut in Deutschland zurückzulassen und in Frankreich von vorn anzufangen. Unter schwierigen Bedingungen konnte er im Exil seine Familie über Wasser halten, bis er, kurz nach Ausbruch des 2. Weltkrieges, im Herbst 1939 festgenommen wurde, weil er als deutscher Staatsbürger in Frankreich ein „unerwünschter Ausländer“ war.

 

In Frankreich untergetaucht

Durch unglückliche Zufälle von seiner Familie getrennt, brachte man ihn in das Internierungslager Le Vernet im Südwesten Frankreichs, unweit der Grenze zu Spanien. Neben deutschen Emigranten waren Kriminelle und politisch Verdächtige die Insassen dieses Lagers. Unter ihnen befanden sich auch die Schriftsteller Arthur Koestler und Gustav Regler. Beide beschrieben ihren Aufenthalt in Le Vernet in ihren Autobiographien und erwähnten auch ihren Mitgefangenen Max Dessauer, dessen Persönlichkeit sie beeindruckte.

 

Das Lager Le Vernet war ein Wendepunkt in Max Dessauers Leben. Die Erfahrungen von Unterdrückung und menschlichem Leid machten aus ihm einen Menschen, der sich während seines ganzen weiteren Lebens für die Opfer des Nationalsozialismus einsetzte. Nach weiteren Lageraufenthalten konnte er 1940 mit seiner Familie in dem von deutschen Truppen nicht besetzten Süden Frankreichs untertauchen. Dort setzte sich Max Dessauer trotz der ständig drohenden Festnahme durch die französischen Behörden, die immer enger mit den Deutschen zusammenarbeiteten, unermüdlich in humanitären Aktionen ein. So kümmerte er sich um Kinder, deren Eltern interniert oder in die Vernichtungslager transportiert worden waren, und half bei der Versorgung von Krankenhäusern und Altersheimen.

 

Mit Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet

In den fünfziger Jahren setzte er sich als Mitglied einer Vereinigung jüdischer Emigranten in Frankreich dafür ein, dass viele ältere Flüchtlinge aus Deutschland, die unter der schlechten Wohnungssituation der Nachkriegszeit zu leiden hatten, einen würdigen Lebensabend verbringen konnten. Seiner Initiative war es zu verdanken, dass mit Geldern aus der deutschen Wirtschaft sowie einer Spende des Bundestages in der Nähe von Paris ein Altersheim für deutsche Emigranten eingerichtet wurde.

 

Für sein Engagement in der Arbeit für die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus wurde Max Dessauer 1961 mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet. Carlo Schmid, damaliger Vizepräsident des Deutschen Bundestages und renommierter SPD_Politiker, hatte ihn für diese Ehrung vorgeschlagen. Die persönliche Verbundenheit Schmids mit Dessauer kommt auch in dem Geleitwort zum Ausdruck, das dieser zu Dessauers Buch geschrieben hat. Max Dessauer war 1958 nach Deutschland zurückgekehrt. In Frankfurt am Main, wo er bis zu seinem Tod am 23. Oktober 1962 lebte, konnte er noch einige Zeit als Leiter der Sammlungsabteilung der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland für die jüdische Wohlfahrtspflege tätig sein.

 

Mahntafeln erinnern

Sein Buch „Aus unbeschwerter Zeit“ betrachtete er als einen Schritt auf dem Wege zur Versöhnung zwischen den Deutschen und den jüdischen Opfern der Hitler-Diktatur. So wie er vor dreißig Jahren an die von den Nazis ausgelöschte jüdische Gemeinde in Sterbfritz erinnerte, so könnte auch heute die Erinnerung an ihn, der sich seiner Heimat zeitlebens verbunden fühlte, ein Schritt auf diesem Weg sein. In Sterbfritz erinnert heute kaum mehr etwas an die jüdische Gemeinde – sichtbares Zeugnis geben noch die Tafeln auf dem Ehrenmal vor der evangelischen Kirche, auf denen die Namen von fünf Sterbfritzer Juden stehen, die im 1. Weltkrieg als Soldaten starben.

 

Im Oktober 1962 hätte Max Dessauer Ehrenbürger von Sterbfritz werden sollen. Dies berichteten damals die großen Frankfurter Zeitungen. Zu dieser Ehrung kam es aber nicht, weil Dessauer schwer erkrankte und verstarb. Es wäre wünschenswert, sein Andenken und die Erinnerung an das jüdische Leben in Sterbfritz nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

 

„Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.“ So lautet ein altes Wort aus der ostjüdischen Weisheit. Ein Blick auf die aktuelle politische Situation in unserem Land, in dessen Geschichte Antisemitismus und Rassismus ihre Spuren hinterlassen haben, zeigt, wie nötig wir auch heute Erinnerungen haben.

 

Thomas Müller

 

1) Artikel in "Der Bergwinkel" vom 28. Oktober 1993

2) Beiträge zur Geschichte jüdischer Sterbfritzer von Thomas Müller und Monica Kingreen, 1998, Herausgeber: Heimat- und Geschichtsverein Bergwinkel e.V.

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